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Zeit für ASMR?

Wer den Begriff ASMR bereits kennt, darf jetzt das Zimmer verlassen. Oder vielleicht doch lieber bleiben. Denn mein Thema betrifft nicht nur ASMR, sondern die Zeit.

Wir fangen jedoch mit dem Vordergründlichen an. ASMR ist selbstverständlich ein Kürzel wie LTE, BND, Stasi usw. und steht für „autonomous sensory meridian response“. So neu ist dieser Begriff , dass es – zumindest deutschenseits – dafür noch keine adäquate Übersetzung gibt. Google-Translate bietet, z.B., „autonome sensorische Meridianantwort“ an, was auch immer das bedeuten könnte. ASMR hat eigentlich mit…wie soll ich’s sagen?...spontan reagierenden Nerven (sprich autonom) zu tun, die unter Umständen am Nacken zu kribbeln anfangen, was freilich etwas Sensorisches ist und als äußerst angenehm gilt. In den USA ist es der letzte Schrei.

Das behauptet jedenfalls die NY Times. Fakt ist: Das Phänomen grassiert wie eine Wintergrippe auf Youtube. Sie finden dort hunderte, wenn nicht tausende Videos zum Thema. Würden Sie sich alle anschauen, wären Sie bis zum Tode mit diesem Inhalt versorgt, was aber wahrscheinlich langweilig wäre. Alle wollen nämlich das Gleiche: Sie für ASMR empfangsbereit zu machen.

Kennen Sie das angenehme Kribbeln, das man unter gewissen Umständen am Nacken zu spüren bekommt? Kein erotisches Erlebnis beteuert die NY Times, lediglich eine rein körperliche Freude. Ich zitiere nur. Trotzdem sind die ASMR-Videos in China bèi jínzhi, d.h., verboten. Vielleicht auch deshalb, weil die meisten davon von attraktiven jungen Frauen und ein paar Jungs gedreht werden. Die Länge der Videos liegt übrigens zwischen ca. 30 Minuten und drei Stunden.

All diese Sprecherinnen und Sprecher wollen bei Ihnen mittels ASMR besagtes Kribbeln erzeugen. Das machen sie, indem sie in ein Mikrofon flüstern oder sich Gegenstände bedienen, die einen sanften Knisterton produzieren. Oder man klopft leise an eine Streichholzschachtel oder pustet sachte ins Mikrofon, oder quetscht ganz sachte ein weiches Stofftier zusammen, so dass ein huschendes Geräusch entsteht usw. Ich hab einen jungen Mann aus Australien, jojo mit Namen, ein paar Minuten angeschaut und zugehört, während er Obiges vorführte. Er hatte große, begeisterungsfähige Augen, ein nettes Gesicht und die Überzeugungskraft einer Elfe. Mittlerweile hat er unzählige solche ASMR-Videos produziert. Keine Ahnung, was er sonst mit seiner Zeit tut. Geht er noch in die Schule?

All dies, damit der/die Zuschauer/in besagtes wunderbares Kribbeln am Nacken verspürt. Manche wenden ASMR als Schlafhilfe an.

Ich brauche kein ASMR, um einzuschlafen. Leg ich mich hin, bin ich sofort weg (der Schlaf der Unschuldigen). Erst um ca. 4h wache ich manchmal auf und kann nicht wiedereinschlafen. Zeit für ASMR vielleicht? Von wegen. Ich höre Radio eine Weile (ARD-Nachrichten) oder lese. Bald bin ich weg…ohne ASMR.

Und damit kehre ich zur anfangs erwähnten Frage der Zeit zurück. Das Internet – wie vor ihm das Fernsehen – verlangt von Ihnen etwas besonders Kostbares: Ihre Zeit. Wie jeder weiß, hat ein Tag genau 24 Stunden. Die Zeit, die man mit Bildberichten (oder Filmen) verbringt, kann man – und jetzt die Pointe – haargenau in Zeiteinheiten messen. Das ist das große Problem mit den visuellen Medien. Mit dem Lesen ist es anders. Manche lesen schnell – und jeder kann, wenn er will, einen Text überfliegen, es sei denn der Text heißt „Sein und Zeit“ von Heidegger. Videos, Filme etc. kann man nur schwer überfliegen. Zu leicht ist es etwas zu verpassen.

Manchmal besuche ich die CNN-Seite im Internet. Dort hat man die Wahl: Man kann einen Bericht als Video oder als Text konsumieren. Will man das Video sehen, kann man das Erlebnis in Minuten und Sekunden genau messen. Schaut man sich lieber den Text an, ist man meistens schnell fertig.

Damit will ich nicht sagen, dass man sich keine Videos erlauben sollte. Doch man muss wissen: Das Zuschauen ist immer etwas Passives. Man empfängt halt. Das Lesen ist genau das Gegenteil. Man zerlegt, analysiert, setzt das Hirn in Gang.

Diesen Text, z.B. Vielleicht haben Sie ihn nur überflogen. Stellen Sie sich vor, ich hätte Obiges als „Podcast“ präsentiert oder gar als Video. Sie wären vielleicht – auch ohne ASMR – längst eingeschlafen, womöglich auch ohne Nackenkribbeln.

In eigener Sache: Der Sprachbloggeur begibt sich schon wieder auf Geheimmission. Nächster Beitrag wohl Anfang März.

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