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Es gab einmal zwei alte Damen: Die eine ging raus, die andere naus

170 Menschenjahre stehen an der Haustür. Frau F. will rein ins Haus; Frau S. will naus auf die Straße. Beide sind Rollatorfahrerinnen, und die Tür ist nicht breit. Es muss was geschehen.

In dem Augenblick ist mein Gespräch mit Frau F. ohnehin zu Ende. „Koana hod Zeit fiar mi“, hatte sie geklagt.

Was heißt „klagen“. Sie hat recht. Sie erleidet das Schicksal vieler alter Menschen: Frau F. ist einsam. Mann tot. Bekannte und Freundinnen tot. Wer noch lebt, hat meistens zu tun. Keiner hat Zeit mit ihr zu tratschen.

Genauer gesagt: Keiner interessiert sich für sie. Das ist die schreckliche Wahrheit. Jüngere Menschen finden sie… tja…langweilig. Mit ihr hat man keine gemeinsamen Themen.

Ja, so ist es – für viele, wenn niemand mehr da ist von früher.

Ja, sog amoi! Worüber hat man dann die vielen Jahre mit den anderen geredet? Über Gemeinsamkeiten natürlich! Über Sport, Politik, die Liebe, die Arbeit, die Hobbys, über die anderen, d.h., über die gemeinsamen Bekannten lästern, etc.

Mit mir ratscht Frau F., z.B., übers Altwerden, übers Wetter, oder sie tratscht doch mal gern ein bisschen über die Nachbarn. „Mit Eahna kon i no redn“, sagt sie. Stimmt auch…zumindest für 10-15 Minuten, eine Zeitspanne, die uns beiden zu reichen scheint.

So stehen wir, wie oben erklärt, an der Tür, als plötzlich Frau S. erscheint. „A guts naijes!“ ruft sie mir fröhlich zu. Auch mit Frau S. unterhalte ich mich manchmal. Selbe Themen wie mit Frau F.? Nein, nicht ganz. Sie klagt nie.
„Woj‘n Sie raus?“ fragt Frau F. Frau S.

„Ja, i woi naus“, antwortet sie und meint natürlich: „Aus dem Weg!“

Halt! Bei diesem Austausch fällt mir auch Sprachforscherisches ein. Beide sind nämlich alte Bayerinnen. Beide reden ausschließlich ihre bairische Muttersprache, aber die eine sagt „raus“, die andere „naus“? Wieso?

Die Frage hab ich den Damen nicht gestellt. Vielmehr hat’s mich interessiert, die zwei alten Damen zu betrachten, beide einsam, beide seit mindestens 50 Jahren Nachbarinnen, die sich noch immer siezen und nie auf die Idee kamen – trotz der Einsamkeit –, miteinander etwas zu unternehmen. Kaffee trinken oder so was.

Sie waren wohl nie befreundet. Stets einander fremd, zwei Sterne im Himmel, die schon immer nahe beieinander waren – aber von unterschiedlichen Planeten umkreist.

Was soll ich davon halten?

Nebenbei: Das mit „naus“ und „raus“ hat eine einfache Erklärung: Die Damen reden halt verschiedene Dialekte. Zwei alte Damen, die in verschiedenen Kreisen verkehrten, zwei Dialekte aus verschiedenen Sprechräumen…

Wie zum Beispiel Schos (d.h. „Schorsch“). Er war ein geborener Oberbayer und zog kurz nach dem Krieg (damit meine ich, liebe junge Lesende, den 2. Weltkrieg 1939-1945) nach Niederbayern. Die Einheimischen (Hoamische) haben ihn zeit seines Lebens als Zugeroasten erachtet, weil er ein anderes Bairisch redete. Jetzt hab ich vergessen. Ich glaube, man sagt in Niederbayern die „Mili“, in Oberbayern die „Moich“. Oder ist es umgekehrt?

Oder einmal beim Schützenverein hat ein Jungschützer gesagt: „I geh rauf“.

„Na na, naufi gehst du! Red Boarisch, du Lumperte! “ korrigierte P.

Immer die Details. Klein sind sie, aber sie haben‘s in sich.

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