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Vogelschiss und andere zersetzende Erzeugnisse

Es ist lange her, dass Jimmy Carter Präsident der Vereinigten Staaten war. Manche (vor allem in Europa) waren damals mit seiner Wahl unglücklich, und sie lästerten. Da er aus der Landwirtschaft stammte und Erdnüsse anbaute, beschimpfte man ihn als „Erdnussfarmer“, als würde das bedeuten, er wäre unfähig, sein Land zu regieren.

Netter Trick. Mit einem einzigen Wort (manchmal sind es mehrere) kann etwas oder jemand entwertet werden.

Und damit sind wir bei den Schlagworten gelandet, auch „Slogan“ genannt. Letzteres stammt übrigens aus dem Keltischen und bedeutet „Schlachtruf“, da der Gebrauch eines Schlagwortes stets etwas Kämpferisches und Aggressives beinhaltet.

Der Trump Donald ist in dieser Taktik ein Meister. Er erfindet Spitznamen für alle und alles. Kandidat Trump bezeichnete seine Gegnerin Hillary Clinton als „Crooked Hillary“, also die „linke“, die „korrupte“ Hillary. Er wiederholte den Slogan so oft, bis er überall haftete.

Die New York Times, weil sie seiner Art Politik kritisch gegenüberstand, wurde zur „failing New York Times“, etwa, ,“in die Pleite versinkend“ reduziert. Der Tweeter-in-Chief der Vereinigten Staaten verwandelte diese Losung durch endlose Wiederholungen in eine Zauberformel, die die Zeitung schwächen sollte. Bisher allerdings hat der Zauber in die andere Richtung gewirkt: Die NY Times hat an Lesern gewonnen. Na ja. Kommt auch mal vor.

Ähnlich der Washington Post: Trump beschimpft sie, da sie das Eigentum des Amazon-Gründers Jeff Bezos ist, als „Amazon Washington Post“. Auch sie gedeiht.

All dies lediglich als Einleitung zu einem Fall des Sloganismus, der mich seit Tagen irritiert. Und jetzt muss ich leider in trübem Wasser waten. Es geht um den sog. „Vogelschiss“-Zitat des AfD-Chefs Alexander Gauland. Gauland wurde in den Medien fast einhellig angegriffen. Es ging um folgenden Satz. Ich zitiere: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“

Der Aufruhr darüber war riesig. Historiker, Journalisten, Verbände aller Arten und Couleuren einigten sich zum Angriff gegen den offensichtlich „Hitler-verharmlosenden“-Gauland.

Aber warum? Bitte nicht schimpfen, liebe Lesende, wenn ich diese Frage stelle. Warum die Aufregung? Ich habe den Satz mehrmals gelesen und verstehe die negative Reaktion immer noch nicht. Zugegeben: Gauland ist Chef der AfD, und es gilt momentan als salonfähig, diese Partei zu missbilligen. Vielleicht, weil sie gewisse Themen für sich beansprucht, die die anderen, sog. bürgerlichen Parteien zu sehr vernachlässigt haben, Themen, über die viele Menschen, die keine Nazis sind, ernsthaft nachdenken.

Von daher nimmt man jede Gelegenheit wahr, auch diese mit dem Vogelschiss, um die AfD mit Schimpf zu bekleckern. Man braucht das Wort „Vogelschiss“ bloß zu sprechen, und zack! jeder weiß, worum es geht.

Ich bin kein AfD-Anhänger. Dennoch halte ich diesen Angriff bezüglich des Vogelschisses für opportunistisch und zynisch. Diese unsachliche Kritik wird noch rätselhafter, wenn man die Sätze der Gauland-Rede, die den mit dem Vogelschiss vorangehen, zur Kenntnis nimmt. Ich zitiere:

"Wir haben eine ruhmreiche Geschichte, daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte."

Okay, ich persönlich halte nicht alles, was in den letzten 1000 Jahren in den deutschen Ländern geschehen ist, für „ruhmreich“ – auch wenn man von den besagten „Vogelschiss“-Jahren absieht. Die Gauland-Rede ist aber nun mal eine politische (sprich: nicht besonders differenzierte) Rede gewesen, und man will sie in diesem Zusammenhang einordnen.

Doch warum soll man die Nazis nicht mit „Vogelschiss“ vergleichen? Wenn Sie meinen, Vogelschiss sei etwas Triviales, dann irren Sie sich. Jeder Denkmalschützer kann ein Lied von der zersetzenden Wirkung dieses Naturstoffes singen.

Und nun wird aus „Vogelschiss“ ein Schlachtruf. Lustig. Oder vielleicht nicht so lustig. Den Schuss-nach-hinten gibt’s auch. Siehe oben.

Was! Hab ich heute was Politisches geschrieben?! Furchtbar! Ich verspreche Besserung. Ab nächster Woche wieder das übliche, der täglichen Welt entrückte Zeug.

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