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Deutschunterricht für Deutsche – compliments of the Sprachbloggeur

Fehlt etwas im folgenden Satz?

„Die Hackergruppe Turla, die mutmaßlich das Auswärtige Amt angegriffen hat, entwendete nach SPIEGEL-Informationen auch ein Dokument zum Brexit. Derweil wird ein weiterer Angriff bekannt…“

Der Text stammt, wie zu ersehen, aus dem Spiegel, genauer gesagt, dem Spiegel-Online.

Ich habe ihn am Freitag (oder war es Samstag?) gelesen und bin gleich drüber gestolpert.

Sie auch, liebe Leser, liebe Leserinnen, liebe Lesende?

Als Migrantler, d.h., kein dt. Muttersprachler, traue ich nur begrenzt dem eigenen Sprachgefühl, wenn es um Ihre dt. Sprache geht. Deshalb wandte ich mich an meine Frau, die Muttersprachlerin ist: ob ihr vielleicht im obigen Satz etwas komisch klänge.

Sie hat die Frage sofort bejaht, ohne aber näher zu präzisieren…bis ich ihr die genaue Stelle zeigte, wo es juckt.

Es geht natürlich um die grammatikalischen Zeiten. Der Autor, die Autorin des Textes behauptet, dass die Hackergruppe Turla das Auswärtige Amt „angegriffen hat“, also Perfekt. Doch gleich daraufhin erfährt man, dass diese Hacker ein Dokument zum Brexit „entwendete“, also Präteritum.

Mein Einwand: Warum werden an dieser Stelle diese zwei unterschiedlichen grammatikalischen Zeiten verwendet? Ich behaupte, dass die Formulierung falsch ist, dass es eigentlich heißen muss, „Die Hackergruppe…, die… das A.A. angriff, entwendete…“

Harald Weinrich, einer meiner Helden der deutschen Grammatik, erklärt in seinem „Textgrammatik der deutschen Sprache“ (Sprachbloggeur Lesetipp!), dass das dt. Perfekt „Besprochenes“ und das Präteritum „Erzähltes“ wiedergibt. Wenn Sie also auf Deutsch einfach so über die Vergangenheit erzählen, ist das Perfekt die beste Wahl. „Ja, auch ich habe den Film gesehen.“ „Hast du Tommi neulich gesprochen?“ usw.

Wenn aber Sie über ein Ereignis in der Vergangenheit berichten, bzw., erzählen, dann ist das Präteritum die bessere Wahl. „Was ist passiert?“ [notabene hier noch Perfekt!] „Folgendes: Ich öffnete die Tür und kam in die Wohnung, wo mich Tommi eigentlich erwartete. So dachte ich jedenfalls. Er war aber nicht im Wohnzimmer, er war nicht auf dem Klo. Doch plötzlich stand er neben mir…“

So einfach ist die Theorie. Es gibt aber einen Haken: In vielen deutschen Dialekten (das Bayrische, z.B.) ist das Präteritum seit Jahrhunderten ein Auslaufmodel. Man erzählt über die Vergangenheit lieber im Perfekt. „Ja, wir haben ihn besucht. Er hat die Tür aufgemacht und hat uns schier überrascht.“

So betrachtet, ist das obige Zitat aus dem Spiegel-Online vielleicht doch kein falsches Deutsch, sondern lediglich lebendiges Deutsch. Trotzdem ist es falsches Schriftdeutsch, zumindest wenn man eine gewisse sprachliche Tradition aufrechterhalten will.

Aber jetzt die Pointe: Macht ein Deutscher obigen Fehler, wird man es ihm schnell verzeihen. Oder es fällt womöglich gar nicht auf. Er ist schließlich Muttersprachler und darf, solange der Akzent stimmt, alles sagen, was wie Deutsch klingt.

Schreibe ich hingegen obigen Satz, dann hab ich fehlerhaft geschrieben, weil ich als Dazugekommener die Sprachtraditionen des Deutschen missachtet habe. (Notabene: Perfekt ist richtig hier).

Fazit: Unfair.

PS Das mit dem Perfekt und Präteritum auf Englisch ist „a horse of a different color“. Mehr darüber ein anderes Mal.

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