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He Sprayers! Ich bitte um Antwort…

Es gab einmal eine Wand, eine graue Wand, so grau wie der Himmel vor einem Schneesturm.

Eines Tages war diese Wand nicht mehr ganz so grau wie ehedem. Jemand hatte in großen lila Buchstaben die Worte „Anarchy is coming together“ auf die Wand gesprüht , d.h., „gesprayt“. Um das große „A“ war ein Kreis, zeitgenössisches Symbol für „Anarchie“.

„Anarchie heißt zusammenkommen“ wäre eine brauchbare Übersetzung für obigen Satz. „Coming together“ ist zweideutig of course. Trotzdem frag ich, was „Zusammenkommen“ mit „Anarchie“ zu tun hat. Die Verlinkung ist nicht ganz logisch. Aber so ist nun mal mit der Anarchie: Sie liebt die Unlogik.

Eines Tages bekam obige graue Wand Zuwachs. Links vom anarchischen Spruch war plötzlich in schwarzer Farbe zu lesen „Riots not Diets“. Der Text wurde mit einer Schablone gezeichnet. Das weiß ich, weil der gleiche Spruch - diesmal in einer anderen Farbe aber gleichen Formats - steht auf zwei Häuserwänden um die Ecke von besagter grauer Wand.

„Riots not Diets“ lässt sich freilich nicht übersetzen, ohne dass das Gereimte verschüttgeht. Dem Sinne nach bedeutet der Spruch: lieber Radau machen als aufs Gewicht achten. Ich gehe davon aus, dass dieser Spruch aus ähnlichem anarchistischem Gedankengut und Kreisen stammt wie „Anarchy is…etc.“

Warum ausgerechnet an dem Tag dieser Schlachtruf? Keine Ahnung.
Und schließlich: Eines Morgens erspähte ich unterhalb vom „Anarchy is…“-Spruch wieder Zuwachs. Diesmal hieß es in großer, wilder, roter Schrift „Bayern Monaco“. Dies war, nehm ich an, ein spontaner Ausdruck sportlicher Begeisterung bezüglich des Spiels zwischen Bayern und Monaco. Leider habe ich die Details und die tiefere Bedeutung dieses Spiels wieder vergessen.

Aber warum musste von den Fußballfans ausgerechnet an dieser Stelle gesprayt werden? Ganz klar. Weil der Bayern-Monaco-Sprayer folgendermaßen überlegte: He, diese Wand ist ohnehin bereits mit Sprüchen völlig verunstaltet (bzw. belegt). Mein Spruch fällt bestimmt nicht aus der Reihe. Schppppprrrrrrüüüühhhhh.

Ortswechsel. Wir befinden uns in Bremen auf der Friedrich-Ebert-Straße in der Bremer Neustadt. Ich stehe vor einem einst prächtigen Haus aus der Gründerzeit. Man ist dankbar, dass solche Häuser noch stehen, zumal so viel Bausubstanz dem Krieg zum Opfer gefallen ist. Die große Holztür dieses Hauses, mit schönen, geschnitzten Partien ist original, ein Kunstwerk. Zumindest…war mal ein Kunstwerk. Denn längst haben Bremer Sprayers ihre Namenkürzeln und andere unleserliche Botschaften in vielen Schichten auf dem Holz hinterlassen. Links und rechts von der Tür stapeln sich die Müllsäcke.

Nochmals Bremen. Nun sind wir im sog. „Viertel“. So nennt man das „Osterviertel“, eine Art Bremer Schwabing. Die ganze Gegend hat den Krieg - beinahe - unversehrt überstanden. Schöne Häuserzeilen aus dem 19. Jh. sieht man straßenweit. Doch alle wurden längst von Sprayers derart verunstaltet, dass die ganze Gegend aussieht wie die Malecke einer Kita, wo die Fingerfarben etwas unpräzise verstaut wurden.

Schon lange frag ich mich: Wer sind sie die Sprayers? Was haben sie im Sinn, wenn sie ein Haus mutwillig bekleckern?

Und eine noch wichtigere Frage: Wie reagiert ein Sprayer, wenn sein Haus von einem Kollegen aus der „Bewegung“ beschmiert wird? Findet er das okay?

Sprayers, meldet euch.