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Globale Dörfer und falsche Etymologien

Er hatte recht, Marshall McLuhan, zumindest mehr oder weniger.

Kennen Sie den Namen noch? Bald werden es 36 Jahren sein, seitdem er am letzten Dezembertag des Jahres 1980 mit 69 Jahren gestorben ist.

„The Medium is the Message“ war seine pfiffige Losung. Etwa: Das Mittel selbst [sprich: „Vermittlung“, „Übermittlung“, „Medien“] ist die Botschaft. Klingt auch im Info-Zeitalter recht pfiffig.

Nur wenige haben damals verstanden, was er damit sagen wollte, aber seine Themen wurden heiß diskutiert. Eine eigene Meinung über seine Gedanken zu äußern, war aber gefährlich. Man wurde als Angeber verhöhnt…oder noch schlimmer: als Pseudointellektueller.

McLuhan spielte einmal eine kleine Rolle für Woody Allen. Ich glaube, es war in „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“). Ein paar Pseudointellektuelle stehen an vor einem Kino und besprechen eifrig die Ideen von Marshall McLuhan, während sie auf Einlass warten. Man merkt schnell, dass das, was sie sprechen unverdünntes Blabla ist.

Plötzlich erscheint McLuhan - wie aus dem Nichts - und erklärt den zwei P.I.s, was er tatsächlich meinte. War ‘ne lustige Szene.

Was war McLuhans Thema? Er hat sich Gedanken über den wachsenden Einfluss des Fernsehens gemacht. Er war sicher, dass das Fernsehen eine Schnittstelle in der Kulturgeschichte unserer Zivilisation darstellte so tief wie einst die Erfindung des Buchdrucks.

So wie einst das Leben durch die Allgegenwärtigkeit von gedruckten Worten verändert wurde, sollten nun der Bilderregen uns weiterhin verändern.
McLuhan rechnete damit, dass die allgegenwärtigen TV-Bilder die Welt zu einem „globalen Dorf“ (Global Village) mutieren würde. Überall würden Menschen unter dem Einfluss der gleichen durch TV vermittelten Infos stehen.

Kommt Ihnen diese Idee bekannt vor, o Bewohner der digitalen Weltordnung?

Ich geh davon aus, dass McLuhan niemals eine Email geschrieben hatte. Wenn er den Computer wahrgenommen hatte, dann nur als Rechenmaschine, die fähig war, in wenigen Sekunden, endlose Zahlen zusammenzuaddieren oder diverse Fakten in eine fixe Reihenfolge zu sortieren.

Als McLuhan starb, war Meister Zuckerberg noch nicht auf diesem Planeten gelandet. Steve Jobs hatte gerade seine ersten PCs (es waren noch keine„Macs“) zusammengeschraubt. MS-DOS wurde gerade erfunden. Google, Amazon, Uber, Airbnb - nicht einmal als Science Fiction erträumt. McLuhan war allein aufs Fernsehen fixiert.

Und jetzt haben wir unser globales Dorf im echt. Es wird aber nicht von TV-Signalen gesteuert, sondern vom WehWehWeh. Ach und Weh herrschen im Zeitalter von Facebook, Twitter, Instagram, Hacking, Phishing, Trolling, Mobbing und „Kompromat“ (Russisch für Lügengeschichten, die einem Feind das Leben zerstört).

Falls Sie McLuhan nicht kennen, bitte glauben Sie mir: Ich hab ihn nicht erfunden. Sie lesen keine Fake-Biographie. Wirklich. Oder sind die Dinge schlechter bestellt als ich gedacht habe? Nein, ich lüge nicht. Ich erzähle die Wahrheit. Glauben Sie mir. Glauben Sie mir?

P.S. Gerade hab ich die Etymologie des Wortes „fake“ nachgeschlagen. Stellen Sie sich vor: Kein Mensch weiß, woher es kommt. (Wie hätte es anders sein können?). Und: Es ist gar nicht so einfach einen Begriff wie „fake etymology“ zu googeln. Man wird gleich mit einem Eintrag über „false etymology“, also falsche Etymologie, konfrontiert - und das ist natürlich etwas anders als „fake etymology“. Google unterscheidet zwischen „fake“ und „false“ nicht. Und Sie?

Darf ich Sie im globalen Dorf willkommen heißen?