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Was Martin Luther und der Sprachbloggeur gemeinsam haben

Sicherlich ist es nur wenigen Lesern dieser Glosse aufgefallen, dass einige Stunden nach Erscheinen eines jeden meiner Beiträge kleine Korrekturen vorgenommen werden, um die gröbsten Fehler meines fremden Ohrs zu beseitigen.

Ein treuer Freund der lieber anonym bleibt, wirft jedesmal einen Blick auf diese Seite, entdeckt jene gelegentlichen Unebenheiten und schickt mir eine Mail mit seinen Besserungsvorschlägen. Ich bin ihm stets dankbar für seine Bemühungen.

Meistens handelt es sich um Flüchtigkeitsfehler. Doch manchmal setze ich das falsche Wort bzw. das falsche Genus ein, und gelegentlich werde ich im Umgang mit der Wortstellung dieser Fremdsprache zu frei. So kann ich jedenfalls von meinen Fehlern lernen, denn die Änderungsvorschläge leuchten normalerweise ein.

Normalerweise. Am letzten Freitag aber nicht. Ich hatte der vorigen Glosse nämlich mit folgender Überschrift versehen: "Erfolgversprechenden Bandnamen zu verschenken“. Nach einigen Stunden folgte von meinem anonymen Freund die rettende Mail. "Besser wäre: 'Erfolgversprechender Bandname zu verschenken’“.

Wieso hier der Nominativ? fragte ich mich ratlos. Immerhin: Ich verschenke etwas, in diesem Fall, einen Bandnamen. Akkusativ also. Oder? Der Text muss logischerweise "erfolgversprechenden Bandnamen zu verschenken“ lauten. Oder?

Am nächsten Tag fragte ich Freund Karl, einen Germanisten, dem ich zufällig auf der Straße begegnete, welche Form seiner Meinung nach die richtige wäre.

"Keine Frage“, antwortete er, "'Erfolgversprechender Bandname zu verschenken’ muss es heißen.“

"Aber warum? Das verstehe ich immer noch nicht.“

"Du verstehst es nicht, weil dein Satz unvollständig ist. Komplett lautet er: "Ein erfolgversprechender Bandname ist zu verschenken’. "Erfolgversprechender Bandname’ ist hier das Subjekt; ‚zu verschenken’ das Prädikat. Nebenbei: Diese Konstruktion ist in Wirklichkeit kein Deutsch, sondern reinstes Lateinisch. Die Grammatiker des 17. Jahrhunderts waren derart in die lateinische Grammatik verknallt, dass sie die deutsche Satzbildung mit Vorliebe der lateinischen anglichen. Das heutige Schriftdeutsch ist also ein künstliches Gebilde, das oft nichts mit der Syntax des Mittelhochdeutschen zu tun hat.“

Aha! So etwas habe ich immer vermutet. Endlich die Bestätigung. Nun recherchierte ich selbst ein bisschen und entdeckte prompt ein sehr schönes Beispiel für die Zwangslatinisierung des Deutschen. Es stammt allerdings nicht aus dem 17., sondern dem 16. Jahrhundert und zwar aus der Luther Bibel. Die Latinisten waren also noch früher am Werk. Zuerst O-Ton Luther aus dem Jahr 1522 für die Stelle Matthäus 18,10: "Sehet zu, das yhr nicht verachtet yemand von diesen kleynen.“ Und nun der gleiche, redigierte Text aus dem Luther-Sterbejahr 1546: "Sehet zu, das yhr nicht jemand von diessen Kleinen verachtet.“ Was ist hier der Unterschied? Das Verb im Nebensatz bekommt eine Endstellung, eine Wortstellung, die im klassischen Lateinischen gang und gäbe ist und heute ausschließlich als richtiges Deutsch gilt.

Das, was wir "Schriftdeutsch“ nennen, war also im 16. Jahrhundert eine Neuigkeit, eine Mode. Das "Hochdeutsch“, jene standardisierte Sprache, deren komplizierten Regeln heutzutage in dicken Grammatiken erläutert werden, ist also lediglich eine künstliche Sprache, die "Experten“ im 16. Jahrhundert zum Spaß erfanden.

Nun meine Frage: Hätte auch Luther vielleicht lieber "einen erfolgsprechenden Bandnamen zu verschenken“ geschrieben, so wie ich es instinktiv getan habe? Nun muss ich die Erstausgabe seiner Schriften absuchen, um die passende Konstruktion zu finden.

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