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Twitter und Co. (oder wie man ganz schnell eine Welt zerstört)

Womöglich ist Ihnen der Name Justine Sacco ebenso wenig bekannt wie mir der Fall war. Ich bin ganz zufällig in einem Artikel des Journalisten Matthias Matussek in der Weltwoche auf ihn gestoßen. Matussek selbst hat wohl den Fall Justine Sacco in einem Buch des amerikanischen Autors Jon Ronson aufgegriffen.

Finden Sie es auch faszinierend, wie ein Ereignis von jemandem aufgegriffen wird, und wie ein Anderer das Aufgegriffene entdeckt und weiterleitet an den Nächsten…usw.?

Der Amerikaner Ronson hat 2015 „So You’ve Been Publically Shamed“ veröffentlicht. Der Titel der deutschen Übersetzung (worauf sich Matussek bezieht) lautet: „In Shitgewittern - Wie wir uns das Leben zur Hölle machen.“

(Nebenbei: „Shitgewitter“ ist ganz offenkundig eine Abwandlung des deutschen „Shitstorm“. Stammleser des Sprachbloggeurs wissen längst, dass „shit storm“ auf Englisch eine völlig andere Bedeutung hat als im Deutschen, nämlich „heftige Rüge einer Person an eine andere“.)

Aber zurück zum Phänomen Überlieferungsketten (z.B. Ronson > Matussek > Sprachbloggeur > Sie), denn im Fall Justine Sacco, handelt es sich gerade um dieses Thema. Und nun zum „Twitter“.

Justine Sacco, damals 30 Jahre alt, war 2013 auf dem Weg von New York nach Kapstadt. Um die Zeit totzuschlagen, schickte sie unterwegs „Tweets“. Eine harmlose Beschäftigung. Machen auch viele. Und immerhin: Justine hatte 170 „Followers“, die ihre getweeteten Beobachtungen gerne lasen.

Zugegben: Es war nur dummes Zeug. Aber warum nicht? Blabla, hab ich mal gelesen, ist irgendwie gut für die Gesundheit. Sie hat getweeted, z.B., dass der Sitznachbar ein Deodorant hätte gut gebrauchen können, dass die Engländer (dies am Flughafen Heathrow beobachtet) schlechte Zähne haben (übrigens: ein bekannter amer. Vorurteil über die Brits) und dergleichen.

Aber dann ist es passiert: In einem Tweet, den sie vor dem Abflug nach Kapstadt, abschickte, teilte sie ihren „Followers“ Folgendes mit (ich verdeutsche): „Fliege nach Afrika. Hoffentlich krieg ich kein Aids. Nur ein Witz. Bin schließlich eine Weiße.“

Sie freute sich über dieses, für ihr Verständnis, ironische Kommentar. Denn, wie sie später berichtete, wollte sie mit ihrem Tweet lediglich aufs Unrecht bezüglich der medizinischen Versorgung HIV-infizierter Schwarzer in Südafrika hinweisen.

Leider ist das Tweet irgendwie in die falsche Kehle gerutscht: Kaum war sie - nach einem ereignislosen Flug - in Kapstadt angekommen, klingelte ihr Fon. Ihre beste Freundin war am Apparat und berichtete, dass Saccos Tweet bereits millionenfach gelesen wurde, und dass sie in Twitterland nunmehr als Bilderbuchrassistin verunglimpft wird. Zur Erinnerung: Hier geht es um Überlieferungsketten. D.h.: Eine(r) ihrer 170 „Followers“ hat das „Tweet“ als verdächtig erachtet und weiter „getweetet“ bzw. „retweeted“, und bald hatten es tausende, dann hunderttausende und schließlich…millionen entsetzte Fremde gelesen.

Justine Sacco, unbescholtene Bürgerin, wurde innerhalb weniger Nanosekunden zu einer der verhasstesten Personen im ganzen Sozialnetzwerk. Ihr Twitterkonto war im Nu restlos mit bösartigen Tweets vermüllt: mit wüsteten Beschimpfungen, Bedrohungen usw. Dazu zählte ein Tweet von ihrem Arbeitgeber: Sie wurde fristlos gefeuert. Obendrein: Im Flughafen Kapstadt wurde sie gleich nach ihrer Ankunft von einem wildfremden Menschen mit einem Handy abgelichtet. Und bald wurde ihr Konterfei überall im Netz steckbriefartig sichtbar und sie zum Abschuss ausgelobt. Einer richtete sogar ein Twitterkonto mit dem Namen #HasJustineLandedYet ein, um den Zorn der Massen entgegenzunehmen.

Ihre Versuche durch Erklärungen die Wogen zu glätten, fielen selbstverständlich auf taube Twitterfanatikerohren. Zwei Jahre später berichtete Jon Ronson in der New York Times über diesen Fall, der für sein Buch zum Paradebeispiel werden sollte, um ein grausames Phänomen, das nicht so selten vorkommt wie man sich vielleicht vorstellt, zu veranschaulichen. (Denken Sie Stichwort: Verschwörungstheoretiker) .

Mein Fazit: Elektronischer Tratsch ist noch gefährlicher als der gute alte Dorfplatztratsch. Denn man erreicht in einem Handumdrehen die ganze Welt. Sehr praktisch.

Falls Sie gerne das Leben anderer zerstören möchten, wissen Sie jetzt, wie es am besten zu bewerkstelligen ist.

Willkommen im Kommunikationszeitalter.

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