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Die letzten Tage der Paketdienstmode

Klingel Klingel.

„Ja, hallo?“

„Post.“

„Post? Es ist halb sieben. Es gibt keine Post um halbsieben.“

„Paket fur Nachbar.“

„Für wen?“

„Fur Ss’mitt.“

Okay, Frau Schmidt ist in der Tat sehr nett, und irgendwie bin ich in unserem Haus, wenn die Zusteller (notabene: Mehrzahl) läuten, doch die Paketdienststelle geworden. Schriftsteller zu sein hat eine Allüre wie unvermittelbarer Langzeitarbeitsloser. Also bin ich auch diesmal weich geworden…

„Aber nur dieses eine Mal. Verstehen Sie? Post bringt man unter Tag und nicht, wenn es schon Abend ist. Verstehen Sie?“

Ich mache auf. Unten poltert einer rum. Ich höre, wie er penetrant und vergeblich an Nachbartüren klingelt. Mich lässt er allerdings nun eine Weile einfach hängen. Nach ein paar Minuten will ich die Tür zumachen, doch schon galoppiert er der Treppe herauf.

Ein junger Mann mit traurigen, unschuldigen Augen und kurzen blonden Haaren steht mir entgegen. Er ist nicht groß, ein bisschen stämmig. Nein, er ist nicht von der Post, natürlich nicht, sondern von einem der vielen Paketdiensten, die in den letzten Jahren wie Schimmel auf einer überreifen Tomate blühen. Wenn man via Sprechanlage fragt, nennen sich alle „Post“. Sie wissen, dass man bereits dressiert ist, die Haustür per Knopf zu entriegeln, wenn man dieses Wort vernimmt.

„Das ist das letzte Mal am Abend. Verstehen Sie. Ich mache für Sie gerne die Tür auf, wenn es Tag ist. Aber abends nicht mehr. Kommt nicht mehr in Frage. Verstehen Sie. Abends bringt man keine Pakete. Zumindest mir keine.“

Er schaut mich mit großen, unschuldigen, traurigen Augen an. Das Gesicht ist rund wie eine Uhr ohne Zeiger. Er blinzelt ein paarmal. Er lächelt, schüttelt ahnungslos mit dem Kopf. „Nix verstehen.“

Aha, denk ich. Was nun? „Zu spät jetzt“, sag ich sehr langsam und zeige dabei auf meine Armbanduhr. Zugleich schüttele ich mit dem Kopf. „Keine Post jetzt. Nein. Zu spät. Verstehen Sie?“

Ein schüchterner Blick. Er lächelt und macht eine Geste, die „nein“ bedeuten soll.

„Nix Post jetzt,“ sag ich noch knapper. Ich zeig wieder auf meine Uhr und bewege meinen Zeigerfinger gegen den Uhrzeigersinn „Früh. Ja. Tag. Sonne. Jetzt Nacht. Nein. Letztes Mal.“

O je. Dass ich den Tag erleben muss, dass ich mit einem Fremden „Gastarbeiterdeutsch“ (notabene: Das Wort ist politisch unkorrekt) spreche. Hilfe! Auch mit mir haben Leute mal so geredet. Sie nahmen meinen Akzent wahr und meinte, ich bin halt doof.

Immerhin ist er glücklich dass er mir das Paket für Frau Schmidt in die Hand drücken darf. Er lässt mich unterschreiben und geht munter seinen Weg.

Am nächsten Tag. Es ist 14h. Es klingelt. Ich gehe zur Tür. „Ja, bitte?“ frage ich.

„Post.“

Er ist es wieder. Auch diesmal fliegt er die Treppe hoch. Er lächelt breit: „Paket fur Mjiller.“

Frau Müller ist auch nett. Natürlich nehme ich das Paket entgegen. Aber nun denke ich: Hat er mich vielleicht doch verstanden. Kommt er künftig nur noch bei Tag. „Welche Sprache sprechen Sie?“ frage ich.

„Moldava…ähm…Rumänisch.“

„Ich leider nicht. Ein bisschen wie Italienisch, oder?“

„Italienisch, Rumänisch…bisschen.“ Er lächelt. „Danke. Tschüss.“ Und schnell springt er der Treppe runter.

Aber: Klingelt er bei mir auch morgen Abend wieder? Das ist die große Frage.

Willkommen, liebe Zeitgenossen, im Dienstleistungszeitalter. Alles billig. Alle reden mit Händen und Füßen. Und keiner geht Shopping. Ihre Welt.

Hand ins Feuer: War es früher nicht schöner? Ich meine damals, als man noch ins Fachgeschäft ging.