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Halbe und ganze Dinge

Unfair. Ich verbringe ein halbes Leben in der Fremdsprache, und trotzdem stoße ich auf ganz einfache deutsche Vokabel, die mir total fremd sind. Vielleicht erleben Biologen das gleiche, wenn sie während eines Madagaskarbesuchs auf eine Eidechse treffen, von der man bisher keine Ahnung hatte, dass es sie überhaupt gibt.

In meinem Fall geht es um das Wort „halbscharig“. Sie kennen es ganz bestimmt. Ich nicht.

Ich habe es erst in der Münchener Abendzeitung entdeckt - in einer kurzen Notiz zum Thema „Schrottrad-Aktion“.

Hier der Satz: „Wer sein halbscharige Mühle also noch sichern will: jetzt aber schnell!“

„Halbscharige Mühle“? Zugegeben. Auch das Wort „Mühle“ hab ich als Bezeichnung für ein Fahrrad nie gehört. Ist aber nachvollziehbar. Auch eine Mühle dreht sich.

Aber „halbscharig“? Aus dem Zusammenhang war ich sicher, dass es „heruntergekommen“, „schrottreif“, „abgenutzt“ und dergleichen bedeuten musste. Ich war aber neugierig, noch mehr zu erfahren. Was tut ein sprachinteressierter Mensch? Er schlägt im Wörterbuch nach.

Ganz logisch wollte ich zuerst unter der Ganzheitsform „scharig“ suchen.

Also langte ich nach meinem Duden… Nur ein Witz! Wir leben im Jahr 2016. Ich hab meine Wiktionary-App für die deutsche Sprache konsultiert. Fehlanzeige. Die App kannte zwar „Schar“ (ich auch), nicht jedoch „scharig“. Also hab ich gegoogelt…

und wurde natürlich postwendend fündig. „Scharig?“Es ist ein bayrisches Wort und bedeutet irgendwie „Dachrinne“ oder so etwas. Dann muss „halbscharig“ die Hälfte einer Dachrinne sein. Oder?

„Kennst du das Wort ‚scharig‘?“fragte ich meine Frau

„Nein noch nie gehört. Sag mir den Zusammenhang.“

„Ich bin auf das Wort in der AZ gestoßen…“ und ich hab ihr den Satz vorgelesen.

„Ach, ‚halbscharig‘! Natürlich. Kennt jeder. Es bedeutet ‚heruntergekommen‘ oder so.“

„Das hab ich gedacht. Etwas wie ‚verwahrlost‘. Doch wieso kenn ich es nicht?“

„Tja. Es gibt schon einiges, das du nicht weißt.“

Nach diesem einleuchtenden Gespräch kam ich endlich auf die Idee, direkt unter Stichwort „halbscharig“ zu suchen, was, wie es sich schnell herausstellte, die bayerische Form von „halbschürig“ ist, ein hochdeutsches Wort, das mittlerweile selten geworden ist; das bayerische hingegen ist noch im Gebrauch.

Der Hintergrund: Früher haben manche Schäfer ihre Schafe zweimal im Jahr geschoren. Wahrscheinlich, um mehr Gewinn zu erzielen. Allerdings: Die Wolle galt als qualitativ schlechter als die Wolle eines Schafs, das nur einmal im Jahr geschoren wurde.

Halbschürige Wolle war also minderwertig, mangelhaft, unausgegoren usw.

Übrigens: Auf Englisch (zumindest auf amer. Englisch) haben wir den Begriff „half-assed“ (wörtlich: „halbarschig“) im Sinne von „unausgegoren“, „dilettantisch“. Etwa: ein „half-assed attempt“. „Whole-assed“ gibt es ebenso wenig wie “ganzschürig”.

Nie aber würde ich ein altes Fahrrad als “half-assed” bezeichnen; diese Erläuterung von „halbscharig“ aber sehr wohl.

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