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Pokémon Go und die Wichser

Hallo Pokémon Go-Fans. Vielleicht hat Sie der putzige Pikachu hierher geführt und tänzelt mitten in meinem Wortladen herum. Dann haben Sie bestimmt ein paar Punkte gesammelt. Nur weiter. Ich wünsche viel Glück.

Falls Sie aber nicht wissen, wo genau Sie gelandet sind, hier eine kurze Einleitung:

Der Sprachbloggeur ist eine Art Wortfabrik. Hier werden Wörter zusammengelegt und manchmal unter die Lupe genommen. Zum Beispiel „Pokémon“. Soweit ich weiß, wurde dieser spritzige Begriff von einem schlauen Marketingfritzen in Japan aus dem Boden gestampft. Ich habe gelesen, dass es sich um eine Abkürzung von „pocket monster“ handle. Ist ja nett mal ein kleines Monster in der Tasche zu haben. Nicht wahr?

Zum Glück wissen aber die meisten Englischmuttersprachler nicht, worauf sich der Name „Pokémon“ bezieht. Sonst wäre der Erfolg dieser Marke schnell in die Hose gegangen. Das meine ich sogar wörtlich. Denn: Wenn ich an „pocket monster“ denke, fällt mir sogleich „pocket pool“ ein: zu Deutsch Taschenbilliard. Ja, Sie verstehen schon. Und jeder in der angelsächsischen Welt versteht es ebenso. (Mädchen können pocket pool leider nicht spielen - wahrscheinlich spielen sie auch Pokémon Go sehr selten).

Was mich an Ali S. aka (also known as) David S., Münchens neuestem Massenmörder, zu denken führt.

Vielleicht haben Sie schon das Handyvideo gesehen, das ihn auf einem Parkhausdach zeigt, während ein Anwohner im Nachbarhaus gegen ihn schwadroniert und ihn des Öfteren, u.a., als „Wichser“ beschimpft.

Ich hab gar keine Lust über Ali/David zu erzählen, lediglich über das Wort „Wichser“. Und weil das „Taschenmonster“ (als Begriff) gefährlich nahe dem „Wichser“ schwebt, denke ich, dass Firma Pokémon großes Glück hatte, dass die meisten das nicht verlinken. Letzte Woche war beim Sprachbloggeur vom japanischen Produkt „homo soap“ die Rede. Manche Wörter haben es in sich - vor allem im Zeitalter des internationalen Marketing.

Sie kennen mit Sicherheit die amerikanische Hustensalbe „Vick“. In den USA heißt sie „Vicks“.

Selbstverständlich wurde sie für Deutschland umbenannt. Ist es nicht ulkig, dass „Vick“ so unglaublich weit entfernt von „Vicks“ zu sein scheint, dass keiner sie miteinander in Verbindung bringt? Aber so ist es mit den Wörtern. Wobei das unanständige „Wichsen“ eigentlich ein Beispiel ist für die Verarmung der deutschen Sprache. Fakt ist: Diese Vokabel hat ursprünglich mit „Wachs“ zu tun, genauer gesagt: Es beschreibt als Verb, wie man mit Wachs eine Oberfläche zum Hochglanz bringt. Früher war es Gang und Gebe „Schuhwichse“ zu kaufen. Und es ist nicht so lange her, dass im Treppenhaus ein Plakat hing: „Frisch gewichst“. Was heute nur noch als Treppenwitz zu verstehen wäre. Das kann allerdings nur bedeuten, dass „wichsen“ im Sinn von „selbstbefriedigen“ neueren Datums ist.

Nebenbei: Das gleiche aufgesexte Schicksal ist dem Wort „ficken“ widerfahren. Früher bedeutete diese Vokabel lediglich „reiben“. Im Grimm’sc hen Wörterbuch heißt es, dass der „vulgäre“ Sinn erst vor drei- oder vierjahrhunderten entstanden sei. Kein Mensch wisse, woher. Versuchen Sie heute Ihren Mückenstich zu „ficken“. Klingt äußerst abartig.

Tja. Kaum wird ein Wort mit einer sexuellen Bedeutung belegt, wird es für sonstige Zwecke für alle Zeiten unbrauchbar.

Ich wünsche Ihnen viele schöne Pikachus, liebe pocket monster-Fans.

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