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Onkel Sprachbloggeur erklärt die Welt

Wo war ich denn stehen geblieben? Ich meine, vor ca. sechs Wochen, bevor diese Seite von Schädlingen (schämt euch, Rotzpack!) infiziert wurde.

Komisch, doch alles, was ich damals für wichtig hielt (ich meine als Themen für diese Seite), kommt mir plötzlich belanglos vor. Manches, was mir damals unter dem Nagel brannte, langweilt mich plötzlich. Über Mohammed Ali schreiben? Über Brexit? Gähn.

Dann blätterte ich in meinem Notizbuch (ja, ich habe ein Notizbuch angelegt - extra für den Sprachbloggeur) und stieß auf den folgenden Satz. Ich zitiere:

„Vielleicht werde ich Sie mit meiner Entdeckung wenig begeistern, aber hier goes. Ich war auf der Maidult in München…“ Hier endet die Notiz.

Tut mir leid. Inzwischen habe ich vergessen, was es war, das ich auf der Münchener Maidult erlebt habe, und mich veranlasst hat, obigen Satz niederzukritzeln. Das passiert mir immer wieder, weil das Gedächtnis und das Leben im Grunde selten so ordentlich sind wie die Kunst. Und die Kunst? Sie ist lediglich ein Versuch, die Komplexität des Lebens (und der Erinnerungen) eine Form, eine überschaubare Ordnung zu verschaffen.

Womit mir jetzt eine Mail einfällt, die ich vor kurzem von einer Literaturagentin erhalten habe. Sie hat meine Bitte, ein Buch von mir zu betreuen aus folgendem Grund abgelehnt. Ich zitiere:

„…zu stark dialog- und zu wenig handlungsorientiert umgesetzt, um es erfolgreich durchsetzen zu können. Hinzu kommt, dass die Handlung sich immer wieder auf Seitenwegen verliert und das Manuskript nicht ohne Glossar auskommt. Beides ist in der Belletristik kaum vermittelbar.“

Ich gebe zu. Ich habe es ihr nicht einfach gemacht. Besagtes Buch entsprang der bewussten Vorstellung, etwas zu schreiben, das das Chaos des wahren Lebens widerspiegeln sollte. Damit meine ich: Wenn jemand im Freundeskreis eine Geschichte erzählt, geschieht dies erstens in Dialogform und zweitens zumeist mit komplizierten und zum Teil detaillierten Abschweifungen, die immer wieder vom Thema abbringen. Nebenbei: Für manches im Leben braucht man tatsächlich ein Glossar.

Der Satz in der Absage von der Agentin, der mich am meisten auf die Palme gebracht hat, lautet aber:„Beides ist in der Belletristik kaum vermittelbar.“

Wenn nicht in der Belletristik…wo sonst?

Doch jetzt zurück zu meinem eigenen Satz über meine vergessene Erfahrung auf der Maidult (s. oben). Beim nochmaligen Lesen stellte ich fest, dass ich dieses Fragment - zum Glück - nie zu einer Sprachbloggeur-Glosse herausarbeitet habe. Wissen Sie, warum ich sage „zum Glück“? Wegen des ersten Satzes. Dort schrieb ich nämlich: „Vielleicht werde ich Sie mit meiner Entdeckung wenig begeistern…“

Was stimmt da nicht? Ganz einfach: Wenn der Autor selbst verspricht, das etwas „wenig begeistern“ könnte, ist das eine Einladung für den Leser, das gleiche zu empfinden.

Also, liebe Leser und Leserinnen, lesson for the day: Falls Sie jemals auf den Geschmack kommen, einen Text zu schreiben, das andere Menschen lesen sollen, bitte nicht im ersten Satz Ihr Vorhaben entwerten.

Wie die Engländer sagen: It’s bad form.

Und nun ist es offiziell: Der Sprachbloggeur ist wieder da. Schädlinge waren schon immer Selbsttöter.