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Namen ist Amen

Dass es so etwas wie einen „Namenstag“ gab, erfuhr ich erst in Deutschland. Als „P.J.“ hab ich natürlich keine Gelegenheit meinen „Namenstag“ zu feiern. Damit muss man leben.

Manchmal wird „P.J.“ nicht einmal als Namen verstanden. Namen, die man mit Anfangsbuchstaben konstruiert, haben keine große Tradition in Deutschland. Ja, es gibt O.W. Fischer (Otto Wilhelm) und E.T.A. Hoffmann (Ernst Theodor Amadeus). Ich weiß aber nicht, wie sie ihre Freunde nannten. Otto? Ernst?

Dafür hat die dt. Sprache eine eigene raffinierte Einrichtung, um Kürzeln bzw. Spitznamen zu bilden: Man schnürt die erste Silbe vom Vor- und Zweitnamen zusammen, und voilà!. Aus Hans-Joseph wird „Hajo“, aus Markus-Norbert „Mano“ usw. Das funktioniert nicht nur bei Eigennamen. Denken Sie an die „Kripo“, die „Stasi“, das „Schlefi“ („Schlemmerfilet“). Als ich einst in Santa Barbara, Kalifornien lebte, hat ein dt. Einwanderer namens Heinz Lichtenberg eine Tankstelle mit dem Namen „Heli’s“ eröffnet.

Vielleicht liegt es an der Aussprache, dass sich manche Deutsche – jung und alt – mit meinem Namen schwertun. Das dt. „Jot“, heißt auf Englisch „Dschäj“ wie in „buon giorno“ und reimt sich mit „play“.

Was ich aber nie verstanden habe: Manche Deutsche sagen zu mir „Pi-dschi“ und nicht „Pi-Dschäj“. Dafür hab ich wirklich keine Erklärung.

Die Bekannte meiner einstigen Lebensabschnittspartnerin strahlte jedesmal, wenn sie mich kommen sah: „Ach, schau! Da kommt der David. Ich kann mit ihm Englisch üben!“

„Warum nennt sie mich immer David?“ fragte ich meine Lebensabschnittspartnerin.

„Weil sie mit ‚P.J.‘ nichts anfangen kann und denkt, du siehst aus wie ein David.“

„Ich halt es nicht aus.“

„Ach, P.J.-lein, sei nicht so streng.“

Andere nannte mich, ohne zu fragen, „Paul-Joseph“. Damit konnte ich aber gut leben. Es mutete in meinen Ohren irgendwie nach Johann Sebastian oder Wolfgang Amadeus an. So nenne ich mich inzwischen selbst, wenn ich mich amtlich erkenntlich machen muss. Immer mit Bindestrich, versteht sich.

Was ich aber nicht dulde: wenn mich jemand „Paul“ nennt. Ich gebe zu: Der Name hört sich auf Deutsch okay an. Nicht aber auf Englisch, zumindest meinen Ohren nicht. Vielleicht liegt es daran, dass sich „Paul“ und das „thal“ in Blumenthal reimen. Dazu: Der Rhythmus geht meines Erachtens völlig daneben, klingt billig. Heute bleibt „Paul“ lediglich meiner Mutter, meinem Bruder, meiner Babysitterin und noch ein paar Verwandten und Freunden aus meiner Kindheit vorbehalten.

Als 2003 mein Buch über Wolfskinder, „Kaspar Hausers Geschwister“, erschien, erfuhr ich vom Verlag, dass „P.J. Blumenthal“ als Autorenname nicht zulässig sei. Den Grund hab ich zum Glück vergessen. Ich wurde natürlich auf diese Nachricht sehr ungehalten und wäre bereit gewesen, das ganze Projekt zu schmeißen, wenn man mir meinen Namen wegnähme. Es kam nicht dazu.

Ähnliches habe ich bei der SZ erlebt. Man wollte meinen Leserbrief nicht veröffentlichen. Der Grund: Man könnte meinen, ich verstecke mich hinter dem Namen „P.J. Blumenthal“. Ich fragte, ob auch O.W. Fischer und E.T.A. Hoffmann und vielleicht T.S. Eliot keine Leserbriefe bei der SZ veröffentlichen dürften. Die SZ ruderte zurück.

Alles komisch, nicht wahr? Ich meine, letztendlich hat man nur den eigenen Namen. Und noch dazu: Er allein bleibt übrig, wenn man tot ist - und das tut er zum Guten und zum Bösen, versteht sich.