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Vom Aussterben bedroht: sibirische Tiger und Altphilologen

Heute nenne ich Namen.

Vor zwei Wochen war ich auf einem Vortrag der Petronian Society, Munich Section. Wahrscheinlich kennen Sie diese Gesellschaft nicht. Es würde mich nicht wundern.

Die Petronian Society ist ein Treffpunkt für Altphilologen (m. und w.). In einer entspannten und unterhaltsamen Atmosphäre informieren Gastredner über Themen der römischen und griechischen Antike. In München wird die Society vom emeritierten Professor Niklas Holzberg (erster Name) liebevoll betreut.

Ich kann mir vorstellen, dass die Altphilologie nicht unbedingt mittig auf Ihrem Radarschirm – und wahrscheinlich nicht einmal am Rande – steht. Deshalb ist das Gebiet der römischen und griechischen Antike – samt lateinischer und altgriechischer Sprachen – auf der Liste der bedrohten Arten gelandet ebenso wie der sibirische Tiger und das weiße Nashorn.

Auch das Nutzen dieser Wissenssparte fürs praktische Leben ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Auf der Uni zählt sie deshalb zu den „Blümchenfächern“. Wer sie studiert, bekommt, wenn es gut geht, vielleicht eine Stelle als Journalist(in) oder Lektor(in). Falls es nicht gut geht, ist das Arbeitsamt gern bereit, Studierende der Altphilologie umzuschulen.

Hat die Altphilologie ein Nutzen? Aber selbstverständlich! Falls man es vergessen hat: Unsere westliche Zivilisation fußt (neben der christlich-jüdischen Tradition) auf der griechisch-römischen Antike.

Nebenbei: Der Islam spielt für den Westen eine viel geringere Rolle – auch wenn es doch einige wesentliche Berührungspunkte gegeben hat. Das ist aber ein anderes Thema.

Aber nun zum besagten Vortrag bei der Petr. Soc. in München. Gastredner war Professor (em.) Werner Suerbaum (zweiter Name). Sein Thema lautete:
„Von der Welttrauer um den römischen Kronprinzen Germanicus 20 n. Chr. – zum privaten Schmerz einer bürgerlichen Witwe um 1900“

Hier der Inhalt kurz zusammengefasst: Im Jahr 20 n. Chr. in Antiochus starb der römische Kronprinz Germanicus. Er war in der damaligen Zeit eine Art Rockstar, und sein Tod löste in Rom eine Betroffenheit aus wie man sie nach dem Tod von Princess Di oder David Bowie kennt. Der Kronprinz wurde in Antiochus eingeäschert und in eine Urne nach Rom zurücktransportiert. Seine geliebte Frau Agrippina (Tochter des verst. Augustus Cäsar) begleitete die sterblichen Überreste nach Rom zurück, wo die trauernden Massen in die Straßen drängten, um einen Blick auf die Prominenz zu bekommen. Man weiß heute, dass es so war, weil der Historiker Tacitus darüber berichtet hat.

Wir springen jetzt ca. 1600 Jahre in die Zukunft. Plötzlich taucht in der bildenden Kunst Darstellungen von Agrippina auf, wie sie die Urne ihres verstorbenen Mannes zart umhegt. Das Thema wurde von verschiedenen Malern behandelt. Und jetzt nochmals ein Sprung in die Zukunft: Anfang des 20. Jahrhunderts tauchen nun Reliefs einer trauernden Frau mit Urne in Friedöfen auf. Diese Thematik wird sogar zum Renner. Man hat allerdings vergessen, dass diese Frau Agrippina ist.

Ich hab es auch nicht gewusst, bis ich Prof. Suerbaums Vortrag lauschte.

Kurz gesagt: Professor Suerbaum, inzwischen über 80, war in der Lage, den Werdegang einer Ikone zu beleuchten, den sonst niemand aufgefallen wäre. Und darum geht es: Die Altphilologie kann alles Mögliche anschaulicher machen. Wie heißt es so schön? Wer aus der Vergangenheit nicht lernt, wird von der Zukunft dafür bestraft.

Nebenbei: Prof. Suerbaums Kollege, Prof. Andreas Patzer (dritter Name), hat eine nicht minder faszinierende Einführung zum Vortrag gehalten. Leider ist auch er nicht mehr so ganz jung.

Umso mehr behaupte ich, dass die Altphilologen, und damit meine ich die Wächter der europäischen Vergangenheit, eine bedrohte Art sind.

Ach! Beinahe hätte ich vergessen: Wieso hat es so lange gedauert, bis die bildenden Künstler das Thema des Germanicus und Agrippina aufgriffen? Ich meine ca. 1600 Jahre waren inzwischen vergangen, seitdem der Kronprinz gestorben war. Diese Frage stellte ich Prof. Suerbaum. Seine klare Antwort: Weil erst kurz zuvor das Werk von Tacitus wiederentdeckt wurde.

Unsere Welt ohne Tacitus wäre insgesamt um einiges ärmer an Erklärungen.

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