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Das David-Bowie-Syndrom

Wissen Sie noch, wo Sie waren oder womit Sie grad beschäftigt waren, als Sie davon erfuhr?

Zur Erinnerung: Die Nachricht brach ein – also „breaking news“ – wie ein Tsunami: im Fernsehen, im Rundfunk, im Internet . In den papiernen Dinosauriern erst freilich mit Verzögerung, dafür aber heftig und bunt.

Ja, die Post ging ab. Auf Englisch sagt: The story went ballistic, schoss ab wie ne Rakete also. (Hey, „ging ballistisch“ – wäre schön als neudeutsches Idiom, oder?). Oder: The story went viral. Es breitete sich wie ein Virus aus.

Die Rede ist natürlich vom Tod des Popstars David Bowie.

Ich möchte nicht zu sehr anecken oder als pietätlos erscheinen, doch wenn ich ehrlich bin, kenn ich keinen einzigen Song der verstorbenen Idole. Zwar ist mir der Name seit vielen Jahren bekannt (ich bin ihm sogar erst in Deutschland begegnet); doch irgendwie ist mir seine ganze Karriere unsichtbar geblieben. Gleiches gilt übrigens für Madonna, Lady Gaga, Justin Bieber, Miley Cyrus, Bruce Springsteen u.v.a.m.

Immerhin kenne ich den Namen. Als ich neulich mit Freund Karl übers Thema David Bowie sprach, sagte er: „Wenigstens weißt du, wer das war. Mir sagte der Name überhaupt nichts.“

Schwer zu glauben, gell? Es gibt Menschen, die wahnsinnig gebildet sind – und so einer ist Freund Karl –, die trotzdem nichts von David Bowie wissen. Ich muss Karl mal fragen, ob ihm die Namen Lady Gaga, Miley Cyrus usw. etwas sagen.

Nein, ich hab nix gegen David Bowie. Ich bezweifele gar nicht, dass er ein guter Sänger und Unterhalter war. Nur, wir lebten offenbar auf unterschiedlichen Planeten. Letzter Satz hätte ihm wahrscheinlich gefallen – ich meine, gemessen an den diversen Lobeshymnen, die ich in den Medien über ihn kurz anlas.

Stirbt (oder versündigt sich schwer) ein „Superstar“ (d.h., jemand aus der Politik, aus dem Sport, aus der Unterhaltungsindustrie), ist das für die Medien wie wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Krieg in Burundi? Pahh! Verfolgung der Rohingya? Von wem bitte? He, man, hast du nicht gehört? David Bowie ist gestorben! Inzwischen hab ich erfahren, dass es in England Bestrebungen gibt, sein Konterfei auf die 20 Pfund-Banknote zu bringen. Andere möchten den Planeten Mars nach ihm umbenennen lassen. Und ich glaube, ich habe irgendwo aufgelesen, dass ein neues chemisches Element nach ihm genannt werden sollte.

Und dann hieß es in einem Newsweek-„Teaser“…ich verdeutsche: „David Bowie erscheint häufig in Wahnvorstellungen und Halluzinationen…Der jüngst verstorbene Sternmann ist, so heißt es, eine verbreitete Erscheinung unter Menschen, die mit Psychosen zu kämpfen haben.“

Als Rudolf Valentino starb, gingen auch seine Fans ballistisch: Krawallen, Selbstmordversuche usw. Doch damals gab’s noch keine Info-Revolution. Alles hat sich also in Grenzen gehalten. Noch nie von Rudolph Valentino gehört? Er war einer der allerersten Superstars des amerikanischen Kinos, ein Sehnsucht erweckender Schönling, der 1926 mit 31 Jahren starb.

Noch ein pietätloser Gedanke: Was passiert, wenn bald diverse Menschen behaupten, sie hätten ihre Gebete an David Bowie gerichtet, um von einer schweren Krankheit geheilt zu werden … Und siehe da! Sie wurden geheilt?

War David Bowie katholisch? Muss man katholisch sein, um heilig gesprochen zu werden? Bin kein Theologe.

In der engl. Zeitung „Guardian“ hieß es „His death was a work of art“. Ich hab nicht weiter gelesen, aber irgendwie stimmt der Satz.

Danke, David Bowie. Danke für die „hits“, danke für die Werbung, danke für den Umsatz – ach und für die Musik.