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Zu Risiken und Nebenwirkungen dieses Textes fragen Sie…ämmm…

Eine Reise ist stets ein Abenteuer. Zum Beispiel gestern. Ich bin mit dem Zug – genauer: mit der ICE – nach Ingolstadt gefahren, eine kurze Strecke für mich, und ich war deshalb nur mit einer leichten Umhangtasche unterwegs. Mein Gegenüber, er war jung, schlank, großgewachsen und hatte ein sympathisches Gesicht, stemmte gerade seine zwei schwere Gepäckstücke, als ich das Abteil betrat. Sein Reiseziel war Berlin, wo er wohl lebt und arbeitet.

Normalerweise vermeide ich das Gespräch, wenn ich verreise. Ich will lieber meine Ruhe haben. Diesmal hat es sich einfach ergeben und war sehr angenehm. Was wir am Anfang besprachen, hab ich nicht mehr im Kopf. Doch aus irgendwelchem Grund fragte er mich nach sehr kurzer Zeit, was ich vom Beruf bin. Seine Direktheit hat mich zunächst überrascht. Doch so was tut man, wenn man jung ist. No beating around the bush. Ich antwortete, dass ich Schriftsteller sei.

„Hab ich gedacht“, sagte er.

„Wieso?“

„So sehen Sie aus.“

„Und Sie studieren?“ fragte ich, obwohl ich normalerweise viel zurückhaltender bin. Nein, er sei Kommunikationsdesigner. (Oder heißt das „communications designer“? Weiß ich nicht). So kamen wir nun dazu, ein bisschen über seinen und meinen Beruf zu fachsimpeln. Unterdessen gesellte sich zu uns nun noch ein Fahrgast, eine Frau, die keine Jugendliche war aber sicherlich kein 40.

Ich weiß nicht mehr, wieso, aber irgendwie kamen wir bald auf den Schmetterlingseffekt (butterfly effect) zu sprechen. Diese Wortschöpfung prägte übrigens ein amer. Meteorloge, Edward Lorenz, im Jahr 1972. Er stellte damals die Frage: „Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas?“ Ich glaube, er hat die Frage mit Ja geantwortet.

Mein Gegenüber aus Berlin war nicht sicher, ob so ein Konzept – zumindest aufs Wetter bezogen – so richtig Hand und Fuß hat.

Auch ich weiß nicht, ob ein einziger Schmetterling so viel Einfluss aufs Wetter nehmen kann. Doch irgendwie kam ich dann aufs Beispiel der Chinesischen Mauer, die – wenn ich mich richtig erinnere – gebaut wurde, um die Mongolen vom Reich der Mitte fern zu halten. Zugegeben: Der Bau einer derartigen Mauer erforderte viel mehr Kraft als der Flügelschlag eines einzigen Schmetterlings. Doch ähnlich dem butterfly effect setzte auch dieses Großprojekt ungeahnte Folgen in Gang. Denn wegen dieser Mauer umgingen die Mongolen nun China und zogen stattdessen ziellos in Richtung Westen. Was nun geschah, war mit Sicherheit gleichsam ein folgenschwerer Schlag mit den Flügeln. Hier nur ein paar Beispiele: 1.) Die umgeleiteten Mongolen eroberten bald Bagdad, was dazu führte, dass die damalige islamische Hochkultur zerstört wurde. 2.) Ihre Turkvolk-Verbündeten nahmen nach und nach Byzanz ein, und so entstand das osmanische Reich. 3.) Diese große Völkerbewegungen schleuderten auch eine gefährliche Bakterie in Richtung Westen, die heute als „Pest“ in die Geschichte eingegangen ist. Diese schreckliche Krankheit tauchte zuerst im Krimgebiet auf und suchte schließlich ab 1348 ganz Europa heim.

Ich gebe zu: Das mit der Chinesischen Mauer war ein ziemlich wuchtiges Beispiel. Nun suchte ich deshalb nach einem bescheideneren Bild, ähnlich dem Flügelschlag eines Schmetterlings: „Oder: Einer ist verhindert, und die Titanic läuft ohne ihn aus. Vielleicht bringt er jetzt etwas ganz Wichtiges zustande – oder vielleicht seine Kinder…“, sagte ich. Leider fiel mir in dem Augenblick kein konkretes Beispiel ein.

„Oder es passiert in der fünften Generation“, sagte hilfreich die nette Dame, die links von mir saß.

„Ja genau…“

Also. Was will ich mit obiger Anekdote über eine angenehme Zugfahrt ausdrücken? Ganz einfach: dass eine Zufallsbegegnung gestern die eigentliche Ursache für diese heutige Glosse ist. Was dieser Text sonst für Wirkungen haben könnte oder wird, vermag ich freilich nicht vorherzusagen. Hoffentlich entsteht deshalb kein Tornado in Texas. Das hab ich schon letztes Jahr erlebt. Doch das ist eine andere Geschichte.

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