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Klartext über Akzente (oder: Wo kommen Sie her?)

„Hör ich einen Akzent,?“ fragt die neue Mitarbeiterin in der Bäckerei. „Könnte das vielleicht ein englischer Akzent sein?“

„Ja, Sie hören einen Akzent“, antworte ich verhalten höflich. Dabei denke ich: Sie kennen mich nicht, und schon stellen Sie solche intime Fragen. Dann sage ich (wie immer pflichtbewusst): „Der Akzent ist aber kein englischer, sondern ein amerikanischer.“ Natürlich sag ich a-me-ri-ka-nisch und nicht etwa a-merr-i-kann-isch.

Ich hab ihre Neugier trotzdem nicht befriedigt. Denn schon hat sie die nächste Frage gestellt: „Sind Sie nur zu Besuch bei uns?“

Notabene: Sie sagt „bei uns“. Will sagen: Es gibt ein „bei mir“, das woanders ist.

„Nein“, antworte ich, noch immer der ehrliche Tropf, „Ich bin schon vierzig Jahre da.“ Wobei ich denke: Als ich bei Ihnen eingetroffen bin, haben Sie noch in die Hose gemacht.

„Vierzig Jahre. Dann muss es Ihnen bei uns gefallen.“

Inzwischen wird mir die Sache zu blöd, und ich sage: „O ja, ich fühle mich bei Ihnen beinahe wie zuhause.“

Das reicht ihr aber nicht: „Sie haben aber vor, mal wieder nach Hause zu gehen? Oder?“ Nach Hause? Denk ich. Nach Hause?

„O nein. Hier hab ich vor zu sterben“, antworte ich und lächele freundlich.

Es folgen keine weiteren Fragen. Manche Leute reden ungern über die letzten Dinge…

Na, liebe Flüchtling*Innen [Achtung: neuer allumfassender Begriff der Grünen – gilt für Männer, Frauen und alle andere], haben Sie den Sinn meiner Anekdote verstanden? Wenn Sie wirklich die Absicht haben, Deutschland zu neuer Heimat zu machen (zur Erinnerung: I want to go to Germany, I love Merkel usw.), müssen auch Sie auf einiges gefasst sein.

Doch zurück zu den Akzenten:

Falls Sie die Pubertät hinter sich haben, können Sie davon ausgehen, dass Sie Zeit Ihres Lebens Deutsch mit einem fremden (oder wenigstens einem exotischen) Akzent sprechen werden. Das ist keine Erfindung von mir, sondern eine neurologische Tatsache. Bespiel Henry Kissinger. Er wurde 1923 in Fürth geboren und ist 1938 mit Eltern und jüngerem Bruder Walter als Flüchtling in den USA eingetroffen.

Bis zum heutigen Tag spricht der beredsame Kissinger Englisch mit einem Akzent, den man in Amerika als „deutsch“ bezeichnet. Bruder Walter, ein Jahr jünger und 1938 wohl noch in der Pubertät, spricht Englisch wie ein gebürtiger Amerikaner.

Zugegeben: Es gibt Menschen, die eine Fremdsprache nach der Pubertät erlernen und sie trotzdem akzentfrei sprechen. Das sind aber die Ausnahmeerscheinungen.

Meine Söhne wurden zweisprachig erzogen, gingen aber in die deutsche Schule, sprachen Deutsch mit Gleichaltrigen und mit ihrer Mutter. Sie sprechen trotzdem beide beinahe perfekt Englisch. Dennoch sind ihre Deutschkenntnisse immer um ein Haar ausgeprägter. Gegenwärtig ist mein jüngerer Sohn in den USA. Er falle, sagte er mir neulich, wegen seines „deutschen“ Akzents auf. Kann er den fremden Akzent jemals losbekommen? Keine Ahnung. Das amer. Ohr ist hellhörig, hört immer das Exotische. Wir lassen uns überraschen….

Willkommen, liebe Flüchtling*Innen, in die neue Heimat, und lernen Sie schön fleißig Deutsch. Die gute Nachricht: Es wird Ihre Enkelkinder viel besser ergehen. Versprochen. Vorausgesetzt, man lebt nicht nach drei Generationen immer noch in einer No-go-Zone.