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Hotspots im Brennpunkt (Eine Lektion in der Kunst des Verdunkelns)

Bin ich der einzige, der sich so leicht einlullen lässt? In letzter Zeit höre und lese ich in den Medien ständig irgendwas über „Hotspots“. Zuerst wusste ich eigentlich nicht, was damit gemeint war. Allmählich hab ich aus dem Zusammenhang verstanden, dass „Hotspot“ gleichbedeutend mit Sammelstelle ist: ein Ort, also, wo man Flüchtlinge ansammelt, um sie zu registrieren oder gegebenenfalls ihren Antrag abzulehnen. Vorgesehen sind „Hotspots“ an der Landesgrenze verschiedener EU Mitgliederländer.

Soweit so gut. Hinzu hab ich erfahren, dass im Europarat über diese heißen Flecken sehr heiß diskutiert wird. Manche sind dafür, manche dagegen.

So viel zu den Fakten, und jetzt wird’s persönlich: Mich hat das Wort vom Anfang an irritiert.

Vielleicht deshalb, weil es in mir andere Assoziationen hervorgerufen hat. Ich hab, z.B., an die „Hotspots“ gedacht, wo man vielerorts kostenlosen Zugang zum WLAN bekommt. Auch die DB wirbt mit „Hotspots“ im ICE. Und jeder weiß, dass diejenigen Flüchtlinge, die mit Smartphones ausgerüstet sind, ständig nach solchen „Hotspots“ suchen, um sich während des beschwerlichen Wegs in den Norden genauer zu informieren.

Im Übrigen wissen Englischsprechende, dass mit „hot spot“ auch „Brennpunkt“ und „Krisenherd“ gemeint sind.

Aber wie sieht ein „Hotspot“ für Flüchtlinge aus? Denn ich habe noch nie ein Foto von einer solchen Einrichtung gesehen.

Ich stelle mir aber vor, dass, er, wenn Leute dort angesammelt werden und mehr als ein paar Stunden dort verbringen und vielleicht auch übernachten müssen, mit Zelten oder Baracken ausgestattet ist.

Außerdem wird ein solcher „Hotspot“ wohl umzäunt sein. Denn sonst würden sich manche „Hotspotler“ aus dem Staub machen – vor allem diejenigen sans papiers.

Mit anderen Worten werden Massen von Flüchtlingen zumindest vorübergehend dort …emm…konzentriert werden, damit man den Überblick nicht verliert; sie werden…emm…konzentriert in einem…emm…Lager.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte „Hotspots“ nicht einmal in meinen kühnsten Fantasien mit „Kazetts“ vergleichen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass man sich mit der Idee eines Sammellagers für die Flüchtlingsmassen in einen – wie wir auf Englisch sagen „hot spot“ (brenslige Situation) – versetzt hat – zumindest semantisch gesehen.

Flüchtlingslager gibt es freilich längst in der Türkei, im Libanon, in Jordanien etc., und man baut sie absichtlich nahe der Grenze. Ich gehe von daher aus, dass die Politiker in Europa unseren Vorstellungen von solchen Einrichtungen lediglich ein anderes Flair geben wollten. So kam man auf die Idee, sie „Hotspots“ zu nennen. Das Tolle daran: Das Wort klingt so obskur, dass keiner drauf kommt, was damit eigentlich gemeint ist.

Besonders clever finde ich, dass man mit dem Wort „Hotspot“ einen Begriff aus dem Boden gestampft hat, der zwar Englisch klingt aber so wenig mit Englisch zu tun hat wie „Handy“.

Nur ein paar sprachliche Gedanken zu einem Begriff, auf den kaum einer achten wird, bis es zu spät ist. Wenn das keine Kunst ist…

In eigener Sache: Nächste Woche kein Beitrag – vielleicht auch übernächste Woche nicht. Erst mit Sicherheit danach. Bin die nächste Zeit auf Jagd (nicht aber in Zimbabwe).