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Alles, was Sie über die kaukasischen Sprachen zu wissen brauchen

Warum herrscht Unruhe in Kaukasien? Damit rede ich nicht nur von der momentanen Situation in Georgien. Neben Abchasien, Südossetien und Georgien tauchen immer wieder auch andere kaukasische Gebiete in den Nachrichten auf. Oder haben Sie die Namen Tschetschenien und Inguschetien schon vergessen?

Die Rede ist von einem gebirgigen Gebiet, das sich vom Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer erstreckt – einer Fläche, die etwas grösser als Deutschland ist. Das Besondere daran: Die Unzugänglichkeit dieser zerklüfteten Landschaft hat das Überleben vieler verschiedenen Völkergruppen begünstigt.

Halten Sie sich die sprachlichen Verhältnisse in Kaukasien vor Augen, und Sie werden verstehen, wie alle Menschen dieser Erde einst gelebt haben, als man mit den Nachbarn noch keinen (bzw. wenig) Handel trieb und (oder) Krieg führte. Jede Gruppe lebte für sich – mehr oder weniger autark also. Ähnliches kennt man übrigens in den dichten Dschungeln Papua-Neuguineas, wo bis heute dank der Abgeschiedenheit eine Sprachenvielfalt gehalten hat. Dort zählt man noch etwa 600 zum Teil sehr unterschiedliche Sprachen.

In Kaukasien sind es lediglich ca. vierzig. Sie werden aber von etwa fünf Millionen Menschen gesprochen und in drei Hauptgruppen eingeteilt: im Nordwesten Abchasisch-Adygeisch, im Nordosten Dagestanisch, im Süden Kartwelisch.

Wenn Sie meinen, dass diese Namen kompliziert klingen, dann haben Sie Grundsätzliches über die Gesamtlage der Region bereits verstanden.

Manche dieser Sprachen werden in einem einzigen Dorf gesprochen – so zum Beispiel das Batsische, die Muttersprache von dreitausend Menschen. Ginukh hingegen (auch "Hinukh“ genannt) wird von ca. 200 Menschen in verschiedenen Dörfern im Nordosten des Gebiets gesprochen. Als der amerikanische Sprachwissenschaftler Bernard Comrie 1974 das Dorf Haci Osman Köyü im Nordwesten Kauskasiens besuchte, traf er auf lediglich vier alte Männer, die noch Ubychisch sprachen. Einer davon, Fuat Ergün, hatte sieben Kinder. Die verstanden lediglich Kirkassisch und Türkisch. Ich nehme an, dass das Ubychische längst in den Spachenhimmel emporgestiegen ist. Dagegen reden etwa drei Millionen Kaukasier Kartwelisch – zu Deutsch "Georgisch“.

Kaukasier verstehen sich gegenseitig selten. Doch eins verbindet sie: Ihre Sprachen sind reich an Konsonanten – genau das Gegenteil vom vokalen reichen Hawaiianischen, wo "holoholo“ "gehen“ bedeutet. Das Kabardinisch zum Beispiel verfügt allein über 22 verschiedene Reibelaute. Das sind Klänge wie "sch“, "s“, "f“, "w“. Wie man 22 davon produziert, vermag ich nicht zu sagen. Das Georgische hingegen liebt es, seine Konsonanten aneinander zu reihen. So zum Beispiel: "mc’vrtneli“. Das bedeutet auf Neudeutsch "Trainer“, oder "gwprckvnis“, zu Deutsch: "er schält uns“. Sie müssen sich vorstellen, dass hier mehrere Bananen oder Apfelsinen reden.

Noch eine exotische Eigenschaft: Viele kaukasische Sprachen gelten als "ergativ“. Das bedeutet – ich gebe zu, hier nur etwas salopp erklärt –, dass das Objekt eines Verbs zum Subjekt wird. Vielleicht kann ich diesen schwierigen Sachverhalt anhand des Englischen ein bisschen veranschaulichen. Wir sagen, "he broke his arm“ – eigentlich widersinnig, es sei denn, er wollte sich den Arm absichtlich brechen (oder er hat den Arm eines anderen gebrochen). Diese Art von Verwechselung zwischen Subjekt und Objekt ist aber Gang und Gäbe in manchen kaukasischen Sprachen.

Und ein letzter Punkt, wichtig im jetzigen Konflikt: Nur wenige Südossetien – sie zählen etwa 80.000 und sprechen einen persischen Dialekt – verstehen Georgisch, obwohl ihr Gebiet vor Jahrhunderten von einer Adelsfamilie aus Georgien, Machabeli, erobert wurde. Ein Reporter der International Herald Tribune hat neuerdings erfahren, dass manche in Südossetien ihre bescheidene Kenntnisse des Georgischen innerhalb weniger Stunden ablegen konnten, als hätten sie die Sprache nie gehört.

Mehr ist über Kaukasien nicht zu sagen. Jetzt sind Sie bestens informiert.

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