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Das „Selfie“ – ein Nachruf (und anschließend ein Wort zu Ebola)

Die Erkenntnis kam im Lauf eines ausgesprochen unanständigen Gedanken: Hat der durchgeknallte „Dschihadi John“ die Hinrichtung des Fotografen James Foley als „Selfie“ inszeniert?

Ich glaube es nicht. Trotzdem: Dieser ungebührliche Gedanke wurde mir zum Anlass, über das sich rasant ausbreitende Modewort „Selfie“ zu sinnen.

Mit dem Resultat, dass ich Ihnen heute, so sehr es mich grämt, eine (für manche) schlechte Nachricht überbringen werde:

Das Wort „Selfie“ ist ein Auslaufmodell. Schon jetzt ist es totkrank.

Wie schlecht es um das „Selfie“ bestellt ist, merken Sie vielleicht noch nicht. Denn der Bremsweg eines viral gegangenen Modewortes ist lang – ähnlich wie wenn man am offenen See die Bremse zieht, um ein mehrere-Stockwerke-höhes Kreuzfahrtschiff zum Stillstand zu bringen.

Das „Selfie“ wird bald so sehr von gestern sein wie die glatt rasierte Leistengegend oder wie die einst allgegenwärtigen Baggy-Pants oder wie die bunten Tätowierungen am männlichen und weiblichen Gesäß, Arm,Bauch, Rücken usw.

Zu bemerken: Die Rede ist nur vom Modewort. Das Selbstporträt selbst („Selfie“ ist bloß eine Abkürzung des englischen „self-portrait“) wird nie verschwinden. Kann nicht. Auch die anzüglichen Selbstaufnahmen bleiben uns erhalten. Wer will, darf weiterhin lustige Selbstbildnisse von feuchtfröhlichen Abenden, von primären und sekundären Geschlechtsmerkmale etc. ungehindert an Freunde und Fremde über die soziale Netzwerke verschicken.

Why not?

Man wird lediglich aufhören, solche Aufnahmen „Selfies“ zu nennen. Schon jetzt klingt das Wort ein bisschen altbacken: das Schicksal aller Modewörter halt. Das Phänomen des Selbstporträts (in allen Formen) hat’s hingegen schon immer gegeben. Denken Sie an Dürer, Van Gogh, Cindy Sherman, oder daran, was Jugendliche früher in Fotoautomaten ablichteten.

Auch ich mache seit vielen Jahren Selbstbildnisse – meistens wenn ich auf langer Reise bin – oft im Flugzeug-WC oder im fremden Hotelzimmer – Selbstaufnahmen als Ausdruck einer gefühlten Einsamkeit oder Verfremdung.

Als ich Anfang dieses Jahres mittels des Schwenkmonitors meiner neuen Kompaktkamera Freund A. und mich porträtierte, zeigte ich die Bilder hinterher der lieben E.

„Ach, du hast Selfies gemacht!“ sagte sie.

„Was hab ich gemacht?“

Okay, ich gebe zu. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Ich halte meinen Finger nicht mehr an den Puls der Zeit.

2013 wurde „Selfie“, so habe ich gelesen, vom Oxford English Dictionary zum Wort des Jahres erklärt. Ein schlechtes Zeichen. Wenn sich ein ehemals ernst zu nehmendes Wörterbuch derart einschleimt, kann es nie Gutes heißen, zumal der Begriff erst 2012 viral gegangen war. Der Einfluss der sozialen Netzwerke. Ein Konsumwort halt.

Die Zeichen des Verfalls werden aber immer offensichtlicher. Beispiel: Der US-Fotograf David Slater reichte einem Affen einen Fotoapparat (oder war es ein Handy?). Und siehe da! Der smarte Affe machte von sich bald „Selfies“. Slater zeigte diese Affen-Bilder anschließend im Internet. Doch bald wurden sie gekapert und landeten in den sozialen Netzwerken, wo sie viral gingen. Um seine Rechte über die Veröffentlichung der Bilder zu schützen, zog der Fotograf nun vors Gericht. Das Gericht aber widerlegte seinen Anspruch mit der Begründung: Es gibt kein Copyright auf von Tieren angefertigten Selbstporträts.

Auch die Kulturkritiker machen sich inzwischen Gedanken über das „Selfie“. Martin Meyer, zum Beispiel, Feuilletonchef der NZZ kommentierte über diese „Darstellung des Selbst“: „Dieses Selbst ist in der Regel substanzmäßig von atemberaubender Durchschnittlichkeit.“ Clever, nicht wahr?

Inzwischen sind auch diverse Trittbrettfahrerbegriffe aufgetaucht: das „ussie“ (vom englischen „us“), z.B., und das „wefie“ (sprich uiefie – von „we“).

So viel bemühte Aufmerksamkeit der Medien war schon immer Gift für Modeerscheinungen, ein sicheres Zeichen, meine ich, dass das Wort bald nur noch lahm und peinlich klingen kann. Ein Wort, das nur Alternde noch wagen werden, über die Lippen zu bringen.

Ja, so ist es, wenn etwas viral geht. Wie Ebola halt. Here today, gone tomorrow.

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