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Auch der Sprachbloggeur ist eine Hybride

Falls Sie die letzten zehn Jahre nicht auf dem Mond verbracht haben, wissen Sie so gut wie ich, dass die Hybriden im Kommen sind.

Und damit meine ich nicht nur die Autos, die sowohl elektrisch wie auch mit Sprit betrieben werden, sondern auch die Wortschöpfungen.

Doch bevor ich zum Sprachlichen übergehe, möchte ich Ihnen kurz aus meinem Leben erzählen. Vor etwa zehn Jahren besuchte ich in meiner Rolle als Journalist die Firma,Rosen Motors, nahe Los Angeles, um über einen Hybridwagen, der dort noch in Planung war, zu berichten. Da ich von solchen Dingen so gut wie gar nichts verstanden habe, war die Belegschaft besonders eifrig mit mir zu reden. Ahnungslose Reporter kann man leicht übers Ohr hauen, damit sie unkritisch berichten. Mein Rat für alle Interviewer: Stets dumm und unbeholfen spielen, man wird Ihnen alles verraten.

In diesem Fall war ich aber aufrichtig beeindruckt und bin es noch heute. Der Motor selbst war kein übliches Triebwerk, sondern eine schlichte Turbine von der Firma Capstone und hatte nur einen einzigen beweglichen Teil. D.h.: Es entstand so gut wie keine Reibung im Motor – sprich kein Verschleiß. Zudem konnte man diese Turbine mit allen möglichen Treibstoffen füttern – je nachdem, was man zur Hand hatte: ob Benzin, Brennalkohol oder Whiskey. Ich mache keinen Witz. Die Batterien hingegen wurden mittels eines mächtigen Schwungrads aus Carbonfasern geladen. Carbonfasern sind einerseits hart wie stahl, bei einem Unfall aber zerstauben sie sogleich, sie fliegen also nicht umeinander, um ganze Wohngegende kahlzuscheren. Das Allerbeste: Der Wagen verbrauchte schätzungsweise zwei oder drei Liter Sprit pro hundert Kilometer, und der CO2-Ausstoß war minimal.

Aus diesem Wagen ist allerdings nichts geworden. Keine der großen Autogesellschaften wollten damals, als Energiekosten noch kaum ein Thema war, mit Rosen Motors kollaborieren. Die Firma machte dicht, mein Artikel darüber ist nie erschienen.

Aber jetzt zum Sprachlichen. Das Wort "Hybride“ – abgeleitet vom griechischen "Hybris“, zu Deutsch "Überheblichkeit“, "Vermessenheit“, "Gewalt“ – wurde ins Deutsche vom Lateinischen übernommen. Römer bezeichneten jede Art von "Mischling“ als "hibrida“. Es handelt sich also um ein ursprünglich sehr unfreundliches Wort.

Mischkonstruktionen galten in der Antike grundsätzlich als frevelhaft, als würden sie gegen ein Reinheitsgesetz verstoßen. Warum dies so war, weiß ich nicht. In der Bibel heißt es nachdrücklich, dass man den Ochs und den Esel nicht gemeinsam ins Joch spannen soll, was vielleicht in diesem Fall nachvollziehbar ist. Denn ein Ochs ist um einiges stärker als ein Esel. Doch ebenfalls heißt es in der Bibel, man dürfe keinen Stoff aus einem Leinen-Wollgemisch weben. Für dieses Verbot habe ich keine Erklärung.

Die "Chimäre“ der griechischen Mythologie, eine Mischung aus verschiedenen Tieren, zählte zu den großen Ungeheueren der Antike, und der böse Minotauros vernaschte Jungfrauen. Bis heute duldet auch der Rassismus keine Mischehen.

Nur die Sprache ist und war auf dem Gebiet der Hybridisierung stets toleranter. Sprachen kombinieren sogar gerne – nicht nur durch die Aufnahme von "Fremdwörtern“. Auch Einzelwörter kann man als Hybriden auslegen. Die "Fistelstimme“ ist eine Mischung aus dem lateinischen "fistula“ ("Rohrpfeife“) und dem germanischen "Stimme“. Die "Brennkammer“ oder das "Brennmaterial“ stammen ebenfalls aus unterschiedlichen Sprachen. Keiner regt sich auf. Die Zahl dieser "Mischprodukte“ ist so groß, dass es doch eine Zeitverschwendung wäre, Sie mit weiteren Beispielen zu belästigen. Außer natürlich einem: dem "Sprachbloggeur“

Dieser Name besteht passenderweise aus drei Sprachen: Deutsch ("sprach“) Englisch ("blogg“ – mit zweifachem "g“ wegen der darauffolgenden vokalischen Endung) und Französisch ("eur“).

Ich vermute, dass die sprachlichen Hybriden weiterhin auf dem Vormarsch bleiben werden – als Nebenschauplatz, sozusagen, der zunehmenden Globalisierung. Was haben Sprachen und Autos gemeinsam? Beide bieten eine wichtige Form der Mobilität an, die sich nie und nimmer den Anspruch einer falschen, hehren Reinheit leisten können.

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