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Was in Sodom wirklich passiert ist

Ich erinnere mich nicht, wie der Schauspieler hieß. Das, wovon ich erzähle, ist vor etwa dreißig Jahren passiert. Nur soviel steht fest: Er war Amerikaner und wurde in einer öffentlichen Toilette ertappt, als er sich mit einem Gleichgeschlechtlichen vergnügte. Um es auf den Punkt zu bringen: Es ging um Analverkehr.

Damals las ich über dieses nicht gerade weltbewegende Ereignis in der "Münchner Abendzeitung“. Zufällig hatte ich aber die Fakten bereits aus einer anderen Quelle aufgeklaubt – vielleicht beim US-Soldatensender AFN (Armed Forces Radio), der einst in München der letzte Schrei war. Nicht zu vergessen: Ich erzähle von einer Zeit, als uns das Wort "Internet“ wie ein falsch geschriebenes "Internist“ vorkam.

Doch laut der "Abendzeitung“ wurde besagter Prominenter nicht im Liebesclinch mit seinesgleichen ertappt, sondern mit einem Tier. Welche Tiergattung gemeint war, war im Text nicht herauszulesen.

Dieses offensichtliche Missverständnis ließ sich leicht erklären. Die amerikanischen Kollegen hatten wohl von "performing sodomy“ berichtet. So drückt sich in Amerika die Presse aus, wenn dezent von "Analverkehr haben“ die Rede sein soll. Im Deutschen hat das Wort "Sodomie“ aber den Sinn von "Geschlechtsverkehr mit Tieren“.

Heute wird diese Art von Übersetzungsfehler als "falscher Freund“ bezeichnet – was partout nicht mit den "falschen Freundschaften“ zu verwechseln ist, die man bei "Facebook“, "MySpace“ und "lokalisten“ schließt. Ich werde Sie aber hier mit anderen Beispielen des Phänomens nicht strapazieren. Über dieses Thema haben schon viele Sprachenvernarrten geschrieben. Sie kommen schnell auf ihre Kosten, wenn Sie den Begriff "falsche Freunde“ angoogeln.

Aber zurück zur damaligen Sodomie. Um die Ehre des bereits arg gebeutelten Schauspielers ein bisschen zu retten, telefonierte ich mit dem zuständigen Redakteur der "Abendzeitung“, um ihn auf seinen Fehler hinzuweisen. Er bedankte sich höflich für die Auskunft, obwohl er mich sicherlich für einen Spinner gehalten hat. Das denkt man immer über Menschen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Damit war die Sache erledigt.

Neulich fiel mir nach so vielen Jahren dieses Ereignis wieder ein. Einfach so. Ohne Anlass. Und noch immer verstehe ich nicht, wieso "Sodomie“ auf Deutsch die Bedeutung "Sex mit Tieren“ hat. Wenn man die entsprechende Bibelstelle liest, findet man nirgends, dass die Sodomiten ein besonderes Herz für Tiere hatten. Der Bibelgeschichte zufolge klopfte eine aufgebrachte Menschenmenge an die Tür ihres Nachbarn Lot, als sie davon Wind bekamen, dass er fremde Gäste empfange. Was sie aber nicht wussten: Diese Gäste waren keine Männer, sondern Engel Gottes. Die Sodomiten forderten Lot auf, ihnen seine Besucher auszuliefern, weil man sie "kennen“ wollte. In der oft prüden Sprache des Alten Testaments hat dieses "kennen“ eine klare sexuelle Nebenbedeutung.

Seit römischer Zeit wird das Wort "sodomia“ gleichbedeutend mit "Päderastie“ gebraucht, eine Liebesart, die für die Römer stets mit Analverkehr einherging. In dieser Bedeutung kam das Wort ins Englische.

In Wirklichkeit aber hatte die wahre Sünde Sodoms gar nichts mit sexuellen Dingen zu tun. So jedenfalls behaupten die antiken jüdischen Kommentatoren. Vielmehr sündigten die Sodomiten, weil sie durch ihre Lüsternheit eine fehlende Gastfreundschaft an den Tag gebracht hatten. Immerhin: Wir befinden uns in dieser Geschichte im Naher Osten, wo die Gesetze der Gastfreundschaft – d.h. "mein Haus ist dein Haus“ – uralt sind.

"Falsche Freunde“ waren die Sodomiten also, im wahrsten Sinne des Wortes.

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