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Ein paar Wörter aus dem Giftschrank

Manches Wort klingt, wenn man genau hinhört, recht komisch. Dazu zählt ganz sicher das Verb "ausmerzen“. Ich bin zufällig auf dieses Wort gestoßen, als ich das "Wörterbuch der Vergangenheitsbewältigung“ der Autoren Thorsten Eitz und Georg Stötzel durchblätterte. Es handelt sich um eine Untersuchung diverser Begriffe aus dem NS-Wortschatz, die man bis heute nur mühevoll in die deutsche Sprache einzugliedern vermag. Freund Wolfgang Goede (rechts finden Sie einen Link zu seinem schönen Blog "Open Science“) hat mir mal dieses Buch geschenkt als Ansporn für eine Glosse.

Wie gesagt: Dieses "Ausmerzen“ mutet – jedenfalls mich – irgendwie komisch an. Wenn man etwas "ausmerzen“ kann, würde man erwarten, dass man es auch "ummerzen“ oder "einmerzen“ oder "vermerzen“ könnte. Aber dem ist nicht so. Das "Ausmerzen“ steht mutterseelenallein da. Es ist ein Wort, das, so die meisten Sprachdetektive, zum ersten Mal im 15. Jahrhundert schriftlich belegt ist, ohne einen Hinweis auf seine Herkunft zu verraten. Man leitet es dennoch von "März“, dem Monat nach Februar, ab. Offenbar wurden in diesem Monat die Schafherden nach dem langen Winter verkleinert – d.h., mit einem langen, scharfen Messer. Im März "märzte“ man also "aus“.

Nicht von ungefähr erinnert das "Ausmerzen“ sehr ans "dezimieren“, das vom lateinischen "decimare“ stammt, das wortwörtlich "zehnteln“ bedeutet. Die Dezimierung war im römischen Herr einst die gängige Strafe für Meutereien. Jeder zehnte Soldat einer unbeherrschten Truppe wurde ausgewählt und…ausgemerzt.

Aber jetzt machen wir den Sprung ins Jahr 1904. Die Herren Eitz und Stöltzel zitieren in ihrem "Worterbuch der Vergangenheitsbewältigung“ den Schweizer Psychiater Ernst Rüdin (1874-1952), einen Mitbegründer der "Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“, der in diesem Jahr Folgendes beteuerte: "Auch beim Menschen war eine scharfe Auslese stets notwendig, damit die Fähigkeiten der höchsten Rassen entstehen…Nur durch beständige Ausmerze der körperlich untüchtigen…könnte sich eine bestimmte Rasse im Daseinskampfe gegen andere behaupten…“.

Willkommen in der Welt des "Sozialdarwinismus“. So nennt man die Wissenschaft, die ab circa 1880 Darwins Theorie der Evolution als Messlatte für den "Wert“ menschlicher Kulturen und Menschen schlechthin umfunktionierte. Der Sozialdarwinismus war einst der letzte Schrei unter fortschrittlichen Denkern. Auch Nazis waren Sozialdarwinisten. Doch sie beließen es nicht nur bei der nackten Theorie. Sie haben das "Ausmerzen“ richtig praktiziert. Bis heute leidet das Wort darunter.

Noch eine Vokabel aus dem Giftschrank möchte ich hier erwähnen: "Schädling“. Heute schwer nachzuvollziehen, aber dieses Wort wurde erst um das Jahr 1880 aus der Taufe gehoben. Ich vermute, dass es im Kreis der Sozialdarwinisten entstanden ist. Denn sicherlich nicht ganz zufällig tauchte um die gleiche Zeit dessen Pendant, der "Nützling“, zum ersten Mal auf.

Gut möglich, dass man damals mit diesen beiden Begriffen lediglich zwischen "nützlichen“ und "schädlichen“ Insekten und Tieren unterscheiden wollte – was bereits eine sozialdarwinistische Idee wäre. Unter den eifrigsten Schüler der Sozialdarwinisten, den Nazis, wurde es aber mit der "Schädlingsbekämpfung“ auf einmal todernst. Mehr als ironisch ist es, dass die Nazis ein richtiges Schädlingsbekämpfungsmittel, "Zyklon-B“, ("Blausäure“), einzetzten, um damit Menschen, die sie als "Ungeziefer“ und "Parasiten“ bezeichneten, auszumerzen.

Warum erzähle ich alldies? Um daran zu erinnern, dass auch Wörter in den falschen Händen zu Giftstoffen werden können.

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