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„Pussy Riot“ als sprachwissenschaftliche Herausforderung

„Weißt du, worüber du in deinem Blog schreiben solltest?“ sagte mir Freund E. vor ein paar Tagen.

Achtung! Jetzt kommt wieder einer seiner Einfälle, habe ich gedacht und fragte diplomatisch: „Worüber?“

„Dass die Olympiade quasi Privateigentum einer machthungriger Clique ist und das schon immer. Wäre was für dich, oder?“

„Gute Idee. Ich denke darüber nach. Nur: Was hat das mit Sprache zu tun?“

„Aber bitte, deine Blogs sind längst von der Sprachthematik abgekommen.“

Freund E. hat nicht unrecht, was die Politik der Olympiade betrifft. Trotzdem war das Thema nicht mein Fall.

Als mir dann E. gestern vorschlug, über die „Pussy Riot“ zu schreiben, war ich ebenso wenig begeistert. „Aber schau: Es handelt sich glasklar um eine heimtückische Verquickung zwischen Putin und der Orthodoxen Kirche. Ist die Redefreiheit für dich kein Thema?“

Stunden vergehen. Ich hatte unser Gespräch beinahe vergessen, plötzlich geht mir wie aus heiterem Himmel folgender dummer Gedanke durch den Kopf: Welcher grammatikalische Artikel passte am besten zu „Pussy Riot“? Spontan entschied ich mich für „die“. Doch warum? Aus den üblichen willkürlichen Gründen, die vorherrschen, wenn die deutsche Sprache Fremdwörter willkommen heißt. Erstens: weil es sich um eine Band, also „die“ Band, handelt. Zweitens: weil „Riot“ eventuell mit „Randale“ zu übersetzen wäre. Drittens: weil es sich um drei junge Damen („die“ jungen Damen) handelt.

Inzwischen hatten sich meine Gedanken verselbstständigt, und ich erwischte mich bei der Überlegung, dass in den USA diese jungen Frauen mit dem Künstlernamen, „Pussy Riot“ nicht allzu weit auf dem Popchart hätten steigen können. Denn wörtlich übersetzt bedeutet „Pussy Riot“ „Möse-Krawall“, „Fotzenrandale“ oder ähnliches. Es gibt sogar Regionen, wo ein solcher Name bestimmt mit Landfriedensbruch geahndet worden wäre. Im Internet habe ich allerdings eine Gruppe mit dem Namen „Nashville Pussy“ aufgedeckt. Ich bin sicher, dass man sie nur in ausgewählten Clubs antrifft.

Hand aufs Herz: Könnte eine Girl-Group mit dem Namen „Möse-Krawall“ mit einem Auftritt beim Musikantenstadl oder „Deutschland sucht einen Superstar“ rechnen?

„Pussy“, eine Bezeichnung für die weiblichen Genitalien, zählt zu den derben Wörtern in der englischen Sprache. Hätte man – in der Zeit vor der „Pussy Riot“ – diese Vokabel gegoogelt, wäre man mit großer Wahrscheinlichkeit auf endlose Pornoseiten gestoßen. Heute muss man erst durch seitenlange Hinweise auf die russischen Girls durchblättern, bevor das andere in voller Wucht hervortritt.

Es gibt freilich noch Derberes auf Englisch mit dieser Bedeutung– etwa „cunt“, „snatch“, „crack“… „Pussy“ wirkt hingegen beinahe harmlos, ja lieblich. Das kommt daher, dass dieses Wort eine zweite, jugendfreie Bedeutung hat: Es dient nämlich als Kosewort für Katze – zu Deutsch etwa „Kätzchen“. Kein Mensch weiß übrigens, welcher Sinn den zeitlichen Vorrang hat. Wurden die weiblichen Genitalien nach dem weichen, lieblichen Kuscheltier genannt, oder war es umgekehrt? (Gleiche Frage musste man sich beim englischen „cock“ stellen, einem Wort, das sowohl „Hahn“ wie auch „Penis“ meint. Im Gegensatz zu „pussy“ vermittelt Letzteres jedoch nichts Liebliches).

Nebenbei: Das französische „chatte“, im Sinne von „Katze“ wird ebenfalls als Bezeichnung für die weibliche Intimsphäre verwendet.

Ich persönlich finde den Namen „Pussy Riot“ witzig. Er klingt kühn und sexy zugleich ohne schlüpfrig zu wirken. Ich bin überzeugt, dass auch viele Amerikaner – wenn sie nicht gerade zu den Fundamentalisten oder den argprüden zählen – ebenso wenig Anstoß daran nähmen wie ich.

Wie hieße die deutsche Entsprechung zu „pussy“? Hier muss ich leider eine gewisse persönliche Schwerhörigkeit eingestehen. Als Migrationshintergründler höre ich nämlich die Nebentöne im Wortschatz um die weiblichlichen Genitalien nicht immer klar heraus. Sicherlich wäre „Fotze“ hier falsch. Dieses Wort klingt – zumindest mir – viel zu vulgär. „Möse“ hätte, meiner Meinung nach, Chancen. „Scheide“ kommt mir hingegen zu klinisch vor. „Fut“ klingt ebenso vulgär wie „Fotze“. Ich bin überzeugt, dass es noch weitere Begriffe gibt, die ich einfach nicht kenne.

Ich jedenfalls wünsche der „Pussy Riot“ viel Erfolg beim Schauprozess. Freund E. hat mit Sicherheit recht: Putin und Kirche machen hier gemeinsame Sache. Doch gegen drei dreiste junge Frauen, die sich „Pussy Riot“ nennen, hat im Informationszeitalter kein Machthaber – meinem Gefühl nach – ernst zu nehmende Chancen gegen das Frivole zu siegen.

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