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Oje – der Sprachbloggeur gibt schon wieder Privates preis

Endlich habe ich es schwarz auf weiß: Zweisprachige Menschen sind offenbar doch schlauer als diejenigen, die sich mit nur einer Sprache durchschlagen.

Ich will mich keineswegs mit dieser Nachricht brüsten. Im Gegenteil. Es stellt sich vielmehr heraus, dass das, was ich jahrelang als Nachteil betrachtet habe – nämlich das endlose (und mal vergebliche) Suchen nach Wörtern, das ständig Sich-in-einem-Satz-verheddern, weil ich zwischen Redewendungen in zwei Sprachen steckenbleibe – letztendlich nur Vorteile bringt.

Ich zitiere aus einem Artikel, den ich am 20. März in der „International Herald Tribune“ entdeckte. Der (die?) Autor(in), Yudhijit Bhattacharjee zitiert wiederum einen Forscher, Albert Costa, von der spanischen Pompea Fabra Universität: „Zweisprachige müssen häufig von der einen in die andere Sprache umschalten. Das fordert eine ständige Kontrolle der Veränderungen um sich, so in etwa wie wir unsere Umwelt überprüfen, wenn wir autofahren.“

Das heißt: Wir Zwei- oder Mehrsprachige sind – notgedrungen – kontinuierlich damit beschäftigt, die Welt zu analysieren und neuzuordnen.
Noch ein Vorteil dieser bisweilen anstrengenden Umschaltung sei offenbar eine reduzierte Anfälligkeit für Alzheimer und sonstige Demenzkrankheiten. Schön wäre es. Leider kenne ich genügend Mehrsprachige, die in geistige Umnachtung versunken sind. Aber egal.

Doch nicht wegen all dieser Vorteile bin ich zweisprachig geworden, sondern weil ich bereits als Kind bewusst nach der Entfremdung gesehnt habe. Achtung Psychologie-Interessierte! Hier gilt es genau hinzuhören. Der Sprachbloggeur wird heute leichtsinnig und enthüllt seine Geheimnisse.
Jawohl: Als Kind sehnte ich danach, eine Welt zu bewohnen, wo man eine Sprache sprach, die völlig anders war als das mir heimische Englisch (bzw. Amerikanisch). Ich stellte mir eine Sprache vor, bei der jedes Wort einen anderen Klang hatte als in meiner Muttersprache.

So betrachtet, war Deutschland nicht unbedingt die klügste Wahl, um diesen Wunschtraum zu erfüllen, zumal es in diesen beiden germanischen Sprachen, Englisch und Deutsch, so unglaublich viele etymologisch verwandte Wörter, gibt. Etwa: „bring“/ „bringen“, „see/ „sehen“, „head“/ „Kopf“ (nur ein dummer Witz) und ebenfalls so viele „false friends“. Sie wissen schon: „mist“ und „Mist“, „fiend“ und „Feind“, „eventual“, „eventuell“ usw. Das Denglische nicht zu vergessen. Besser wäre es gewesen, wenn ich mich ins Chinesische oder ins Ungarische eingetaucht hätte. Tja.

Ich weiß nicht, warum ich von dieser Sehnsucht nach der Fremde so besessen war. Die Antwort auf diese Frage überlasse ich gern den Hobbyanalytikern.

Ich träumte ebenfalls davon als Jugendliche, in der Fremdsprache zu schreiben. Ja, das Schreiben ist bei mir eine alte Sucht. Mit sechszehn hatte ich schon ein kurzes Theaterstück auf Französisch geschrieben – es war natürlich sehr existentialistisch oder absurdistisch formuliert. Warum in der Fremdsprache? Damals habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Heute schon.

Es war (und ist) mir wichtig – hören Sie genau zu, liebe Psychologen – es war (und ist) mir fast ein Leben lang ein Bedürfnis, mich durch das Schreiben als Fremden zu erleben. Somit gewinne ich die Perspektive eines Außenstehenden oder vielleicht besser, eines Entwurzelten. Denn ich war (und bin) überzeugt, dass ich als Außenseiter die Welt viel genauer beobachten und veranschaulichen konnte (kann). Das kann man meines Erachtens am besten in einer Fremdsprache! Und noch dazu: Wenn man in der Fremdsprache schreibt, verliebt man sich in die eigene Formulierungskunst nicht so leicht. Man schreibt also keine aufgetakelten Sätze – weil man das nicht kann! Man ist froh, wenn die Sätze wenigstens einigermaßen korrekt sind.

Alles klar? Mir nicht ganz. Denn im vorigen August geschah Sonderbares: Ich verspürte eines Tages ganz plötzlich den Drang Lyrik zu schreiben – und zwar in meiner Muttersprache. Ich sollte Ihnen vielleicht erklären, dass mir als Schriftsteller die Lyrik stets meine erste Liebe war, und ich habe Lyrik jahrelang geschrieben, d.h., bis 1986. Dann passierte es auf einmal, dass ich nicht mehr wollte. Mir kam die Lyrik sinnlos vor. Lyrik habe ich übrigens ausschließlich auf Englisch geschrieben. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, ein Gedicht auf Deutsch zu formen. Komisch. Nicht wahr?

Unerwartet hat es mich im August 2011 überwältigt, regelrecht umgehauen. Die Lyrik stieg aus mir hinauf wie das Magma aus dem Vulkan. Ein dringendes Bedürfnis, ein sehr befriedigendes Bedürfnis, möchte ich betonen.

Inzwischen weiß ich Folgendes: Dieser Schriftsteller will unbedingt in zwei Sprachen schreiben: weil jede Sprache andere Bedürfnisse erfüllt. Wenn ich Deutsch schreibe, bin ich der neugierige Außenseiter, der bemüht ist, die Welt von außerhalb zu umfassen. Wenn ich hingegen meine englischsprachige Lyrik schreibe, werde ich selbst zum Ausdruck dessen, was es zu umfassen gilt. Ende der Enthüllung.

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