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Hier Wichtiges über Ihre Nase!

Wissen Sie was ein flehmendes (nein, kein flämmendes) Pferd ist? Vielleicht wird es Sie trösten, falls Sie dieses Wort nicht kennen, dass mein Duden Universalwörterbuch und auch mein Grimm ebenso ratlos sind.

Nur im Großen Duden und natürlich im Internet bin ich fündig geworden.

Nicht nur Pferde, sondern Kamele, Hunde, Ziegen und vielleicht auch Menschen flehmen – allerdings nur die männlichen.

Aber zur Sache: Wenn Tier (oder Mensch) die Oberlippe nach oben zieht, um das Weibchen (bzw. Frau) präziser zu beriechen, dann flehmt es (bzw. er). Wenn der Hengst sie anflehmt, so weiß die Stute, dass er sein unmittelbares Interesse zeigt. So gesehen, ist das Flehmen ein wichtiges Signal bei der Paarung.

Ich bin erst am Wochenende auf dieses Wort gestoßen, als ich zufällig in einem Buch „Wie riecht Leben“ zu lesen begann. Bald hat mich die Lektüre gefesselt. Den Autor, Walter Kohl, hat ein ungewöhnliches und eigentlich schreckliches Schicksal ereilt: Bei einem Fahrradunfall ist er mit dem Gesicht gegen den Asphalt geknallt und hat sich dabei mehrere Schädel- und Gesichtsknochen zerschmettert. Das Resultat: Er ist seitdem nicht mehr in der Lage Gerüche wahrzunehmen.

Vielleicht denken Sie, dass hier „schreckliches Schicksal“ übertrieben klingt, um Kohls Unglück zu beschreiben. Dem Autor zufolge mit Sicherheit nicht. (Herr Kohl muss übrigens auch mit einem zweiten Schicksalsschlag fertigwerden: Er hat nämlich den gleichen Namen wie der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Auch dieser Walter Kohl ist Schriftsteller. Man bringt die zwei Personen ganz leicht durcheinander, wenn man nicht aufpasst. Der Autor des „Wie riecht Leben“ ist jedenfalls Österreicher, sein Namensvetter Deutscher).

Doch wie riecht Leben? Wer riechen kann, so Herr Kohl, stellt sich diese Frage nie. Er kann sich jederzeit ans Flehmen machen und die unterschiedlichen Düfte und üblen Gerüche des Lebens zelebrieren.

Man ahnt nicht, wie sehr wir vom Riechen abhängig sind, so Kohl. Wer nicht riechen kann, weiß nicht, ob sein Hemd stinkt, ob die Wurst verdorben oder die Gasleitung leck ist. Durch Walter Kohl habe ich erfahren, wie sehr der Anbandelprozess von kaum wahrgenommenen Duftmolekülen abhängt. Man liebt also durch die Nase. Manche wollen aber können nicht, sagt der Autor, er kann aber seit dem Unfall will nicht.

Kohl drückt in diesem eloquent geschriebenen Buch ein sehr privates Leid aus. Um die Folgen seiner Behinderung zu veranschaulichen, fordert er die Riechenden dieser Welt heraus, ihm beizubringen, wie man einem Nichtriechenden Gerüche und Düfte erlebbar macht. Natürlich eine Fangfrage, so wie wenn man dem Blinden Farben beschreiben will.

Ich denke, dass diese schwierige Aufgabe nur mithilfe eines Parallelsystems möglich wäre: zum Beispiel Duftnoten als Farben zu beschreiben. So könnte man dann sagen: „Stellen Sie sich vor, dass rot, grün und orange - alle etwas aufgewärmt – durch Ihre Nase flössen. So riecht ein Sommertag auf der Wiese.“

Ich gebe zu. Der Vergleich hinkt gewaltig. Immerhin bietet er eine Art sinnliches Erlebnis.

Und dann sollte man die Phantomgerüche erwähnen. Die Nase bildet sich ein, dass sie etwas gerochen hat. Das ist wie die Phantomschmerzen der Beinamputierten. Phantomgerüche stinken übrigens.

Ja, schrecklich, wenn man nicht riechen kann, und trotzdem zählen wir Menschen nicht zu den Geschöpfen mit dem besten Riecher. Hunde und diverse Insekten sind uns diesbezüglich haushoch überlegen. Dafür – das habe ich neulich irgendwo gelesen – gelten wir als das Lebewesen mit dem ausgefeiltesten Geschmackssinn. Nur wir werden zu Feinschmeckern. Hund und Co. verschlingen ihren Fraß ohne ästhetischen Genuss. Der Geschmack interessiert sie gar nicht. Hauptsache die Menge stimmt.

Kein Trost für Herrn Kohl. Denn leider ist der feine Geschmackssinn eines Menschen völlig vom Geruchssinn abhängig. Ohne Nase kann die Zunge lediglich süß, sauer, bitter, und salzig unterscheiden. Wenn Herr Kohl Schokolade isst, weiß er nur, dass sie süß ist.

Walter Kohl hat recht. Ein Leben ohne Düfte bedeutet große Entbehrungen. Es handelt sich hier um einen Verlust, der weitgehend unbekannt und unterschätzt ist.

Der Autor behauptet übrigens, dass er seit seinem Unfall viel Leidenschaft und auch viel von seiner sprachlichen Fähigkeiten eingebüßt habe. Das nehme ich ihm allerdings nicht ab. Wenn Sie ein leidenschaftliches und sprachbewandertes Plädoyer für den Sinn des Geruchssinnes lesen möchten, dann bitte schön dieses Buch. Man lernt endlich bewusst zu flehmen und angeflehmt zu werden.

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