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Mein Nachbar der Spammer

„Und was arbeiten Sie?“ fragt mein Gegenüber im Zug nach Hamburg. Manchmal redet man gerne mit Fremden, um die Zeit zu vertreiben.

„Ich bin Sprachbloggeur.“

Ein junger Mann, vielleicht um die 30 herum, geschmackvoll angezogen. Er schaut mich skeptisch an. Das jugendliche Gesicht wirkt fast harmonisch, wäre es nicht für die harten Züge an den Mundwinkeln. Die Haare sind blond. Gesamteindruck: jungdynamisch. „Was ist ein Sprachbloggeur?“ fragt er.

„Einer, der für die Gerechtigkeit der Sprache kämpft“, antworte ich.

„Schöne Antwort. Trotzdem hört sich das – Sie werden entschuldigen – , ein bisschen schrullig an – , als wären Sie so ein Superheld wie der Hulk oder Spiderman – bloß im Bereich der Sprache.“

„Das haben Sie schön gesagt. Und so ist es auch. Natürlich bin ich aber nicht der einzige Sprachbloggeur. Wir sind viele. Jeder nennt sich aber anders und tarnt sich hinter einer anderen Identität.“

„Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich frage, ob Sie alle Tassen im Schrank haben. Sind Sie so ein Idealist oder was?“

„So kann man es auch ausdrücken. Zumindest stehen bei mir keine ‚made-in-China-Tassen’ im Schrank. Darf ich fragen, was Sie machen?“

„Ich bin Spammer.“

„Ach“, antworte ich, „das ist ein interessanter Beruf. Vielleicht haben Sie auch meine Webseite mal mit Spam vermüllt.“

„Schon möglich“, aber wenig wahrscheinlich. Wir sind nicht auf Blogs spezialisiert. Das machen andere. Wir zielen auf Einzelmenschen.“

„Und was für Waren drehen Sie die Leute an? Gefälschte Potenzmittel? Ferienwohnungen in Polen? Fantasie Markenuhren?“

„Nein, nein, Herr Sprachbloggeur. Man merkt, dass Sie sich nicht so gut auskennen. Solche Maschen sind von gestern. Noch nie vom ‚VirtualKasinoKlub’ gehört?“

„Nein, leider nicht. Klingt wie ein online Kasino. Online Kasinos sind aber nichts Neues.“

„Das unsere schon. Wir schicken 3-4 mal täglich Mails an Millionen von potenziellen Kunden, bis wir viele mit unserem Angebot mürbe gemacht haben. Immerhin: Wir bieten 100 Euro Spielgeld kostenloses an, wenn man nur unsere Software runterlädt.“

„Das kann Ihnen aber teuer kommen, oder?“

„Aber woher, Sie verstehen unsere Kunst nicht, Herr Sprachbloggeur. Um die 100 Euro zu bekommen, muss man zuerst eigene 100 Euro einsetzen. Dann hat der Spieler 200 Euro…“

„…und wenn er gewinnt?“

„Das meinen Sie aber nicht ernst, oder? Am Schluss verliert der Spieler halt 200 Euro statt 100. Dafür sorgt unsere tolle Software – und die war nicht gerade billig. Aber das ist nur der Anfang. Nun schenken wir dem Spieler 200 Euro. Dafür muss er selbst wieder nur 100 Euro einsetzen…

„…um dann ja 300 zu verlieren.“

„Jetzt haben Sie es kapiert.“

„Und Sie können nachts schlafen?“

„Wie meinen Sie das? Ach, ich verstehe. Sie fragen, ob ich ein schlechtes Gewissen habe. Warum auch? Ich schlafe wie ein Baby. Seien wir ehrlich, Herr Sprachbloggeur: Wer ist der Dumme, der Spieler oder ich. Ich sehe, Sie möchten glauben, dass ich der Dumme bin. Sie irren sich aber. Sie leben noch im falschen Jahrhundert, wenn ich’s sagen darf.“

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