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Flaschenpost(ing) eines schiffbrüchigen E-Schriftstellers

Kennen Sie den alten Witz?

Das Kind ist vier Jahre alt und spricht immer noch nicht. Die Eltern machen sich verständlicherweise große Sorgen. Hilfesuchend karren sie den Knaben vom Arzt zu Arzt herum. Vergeblich. Er spricht nicht. Kein Wort.

Eines Tages ist die Familie zu Tisch. Die übliche Stille. Auf einmal sagt das Kind: „Die Kartoffeln sind kalt.“

„Du sprichst! Du sprichst! Ein Wunder ist geschehen!“ jauchzen die Eltern.

„Aber natürlich spreche ich“, sagt das Kind.

„Aber warum hast du bisher immer geschwiegen?“

„Bisher“, antwortet das Kind, „war alles in Ordnung.“

Ja, liebe Leser, die Kartoffeln sind kalt. Und damit meine ich, dass diese Webseite seit einem Monat ihren Zweck als Informationsträger nicht richtig erfüllt. Kein Wunder, dass mir jedes Posting – zu Deutsch Beitrag – wie Flaschenpost vorkommt. Flaschenposting.

Wie jeder, der jemals einen Zettel bekritzelt hat, um ihn in eine Flasche zu stecken und ins wässrige Ungewisse zu schicken, werden wöchentlich auch meine Glossen auf gut Glück ins WehWehWeh gesendet.

Auch zu besten Zeiten ist das Hochladen eines Textes ins Netz ein Glücksspiel. Man freut sich, wenn jemand das Flaschenposting rezipiert. Wenn aber die Webseite (in diesem Fall meine E-Flasche) defekt ist, wird jegliche Kommunikation erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht.

Wir schreiben das Jahr 2011. Dennoch fühle ich mich oft wie ein Schriftsteller aus der Antike, dessen Werke den Launen der Überlieferung auf einem Informationsträger (in meinem Fall ein Server) ausgeliefert ist. Die Gedichte der antiken griechischen Lyrikerin Sappho wurden, sagt die Legende, in einem einzigen Manuskript bis ca. 1000 n.Chr. am Leben gehalten. Doch dann passierte es: Das Manuskript wurde von einem prüden Leser aufgespürt und als Schweinkram vernichtet. Ende der Überlieferungskette. Die Gedichte des römischen Dichters Catull galten lange hingegen als verschollen. Plötzlich entdeckte man im 13. Jt. das letzte erhaltene Manuskript – und zwar unter einem Weinfass irgendwo in Italien (Verona?). Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Handschrift mit Gedichten des längst verschollenen Griechen Bakchylides zufällig ausgegraben. Sie war zwar ziemlich durchlöchert und zerfetzt. Aber immerhin.

Ja, ein Glücksspiel. Auch große Auflagen schützen nicht vor dem Vergessen. Wer kennt noch heute die Dieter Bohlen-Autobiographie, die erst vor wenigen Jahren als Bestseller für regen Umsatz sorgte? Nicht einmal der Titel dieses Buches fällt mir heute ein. Altpapier geworden.

Sie sehen schon. Ich bin heute etwas gereizt. Ein Schriftsteller wird stets von der eigenen Fantasie und von der Freude – oder mal der Irritation – seiner Leser beflügelt. Wenn er – bzw. ich – das Gefühl hat (habe), dass seine (meine) Texte an einer Platform erscheinen, die allem Anschein nach von einer Neutronbombe verwüstet wurde, bleibt die Freude sehr in Grenzen.

Keine Ahnung, ob Ihnen diese(s) Flaschenpost(ing) erreichen wird. Wir hoffen jedenfalls auf bessere Zeiten. Zeiten, in denen die süße Illusion der Normalität wieder vorherrscht, damit diese Seite endlich ihre gewohnte Aufgabe erfüllen kann.

Falls Sie diese(s) Flaschenpost(ing) erhalten, ist die Botschaft sehr einfach: Die Kartoffeln sind kalt. Sehr kalt.

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