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Könnte Goebbels das Printmedium retten?

Wurm: (an einem Stuhl gefesselt) Bitte, bitte nicht wieder schlagen.

Vorstandsvorsitzender: Jeder Vorstandsvorsitzender braucht seinen Prügelknaben. Bezahle ich Sie nicht gut genug?

Wurm: (schweigt).

Vorstandsvorsitzender: Wieso schweigen Sie? (Er schlägt zu)

Wurm: Aua aua aua!

Vorstandsvorsitzender: Also jetzt. Bezahle ich Sie nicht gut genug? Oder sind Sie heimlich zu den Gewerkschaftlern rübergegangen.?

Wurm: Nein! Nein! Sie bezahlen mich gut. Aber warum muss ich immer die schwarzen Strumpfhosen tragen.

Vorstandsvorsitzender: Was heißt immer? Nur in meinem Büro. Außerdem steht es in Ihrem Vertrag so. Und schweigen dürfen Sie nicht, wenn ich Fragen stelle. Steht auch im Vertrag.

Wurm: Ich dachte, ich müsste niesen. Es war ein Fehlalarm. Kennen Sie das nicht?

Vorstandsvorsitzender: Natürlich! Bin ich kein Mensch? Habe ich keine Augen? Habe ich keine Hände? Keine Nase? Ach! William Shakespeare. Der könnte die Auflagen in die Höhe schnellen. Verdammtes Internet! So einen wie Shakespeare müssten wir verpflichten. Am besten gleich klonen und einen in jede Redaktion setzen. Habe ich nicht recht, Wurm?

Wurm: (schweigt wieder).

Vorstandsvorsitzender: Kommt wieder ein Nieser? Oder möchten Sie nochmal Prügel kassieren?

Wurm: Nein, mir kitzelt’s in der Nase, aber es wird wieder nichts.

Vorstandsvorsitzender: Verdammt frustrierend, gebe ich zu. Aber sinkende Auflagen sind auch frustrierend. Mitdenker brauche ich, lieber Wurm, keine Jasager. Verstehen Sie das?

Wurm: Ja, ich verstehe.

Vorstandsvorsitzender: Sie wirken heute so müde. Ich glaube, Sie sind allmählich reif für die Insel. Stimmt’s? Oder stimmt’s nicht?

Wurm: Es war ein hartes Jahr, und die Wochenendarbeit setzt zu.

Vorstandsvorsitzender: Nehmen Sie ruhig ein paar Tage frei. Aber nur ein paar. Sie wissen. Wir brauchen Sie. Das darf ich Ihnen eigentlich nicht verraten. Aber wehe, wenn Sie neue Gehaltsforderungen machen! Dann haben Sie den Salat: Ich kündige Ihren Vertrag sofort und stelle Sie als freischaffenden Konsultanten ein – für weniger Geld, versteht sich. Und Urlaub ade! Natürlich werden Sie mir schriftlich versichern, dass Sie auch für andere Arbeitgeber tätig sind und weniger als fünfsechstel Ihres Einkommens bei uns beziehen. Haben wir uns verstanden?

Wurm: Ja, o Herr.

Vorstandsvorsitzender: Gut so. Und jetzt zurück zum Thema. Die Auflagen in die Höhe kitzeln. Wissen Sie, wer eine tolle Schreibe hatte?

Wurm: Thomas Mann?

Vorstandsvorsitzender: Nein, Sie Depp. Goebbels. Sie müssen mal seinen Artikel über den Reichstagbrand lesen. Einfach genial. Er macht müde Leser wieder munter. Persönlich schreibt er, vertrauensvoll. Man möchte die Tochter mit ihm verheiraten. Sie schauen so skeptisch. Halten Sie mich für einen Nazi?

Wurm: Nein, o Herr. Aber die Uhr auf Ihrem Schreibtisch zeigt halbsieben. Laut meinem Vertrag darf ich jetzt Feierabend machen. Oder muss ich schon wieder Überstunden einlegen?

Vorstandsvorsitzender: Sie haben es noch nicht verstanden, lieber Wurm. Es geht um unsere alle Zukunft. Das Leben kennt keine Überstunden. In einer halben Stunde dürfen Sie nach Hause. Vielleicht. Aber jetzt dalli dalli: Scharf nachdenken.

Wurm: Muss ich aber noch gefesselt bleiben, o Herr?

Vorstandsvorsitzender: Jeder hat seine Rolle zu spielen. Auch Sie.

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