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Warum ich meinen Namen trage – oder nice guys finish last*

Wissen Sie, wie man Liebkind spielt?

Ich schon. Ich habe Jahre lang Liebkind gespielt. Ja, es ist ein Spiel, wie Schach oder Mühle. Und ich, wenn ich’s so sagen darf, habe ein besonderes Talent dafür gehabt.

Liebkind spielen ist eine Uberlebensstrategie, eine von vielen. Das Konzept ist einfach zu vermitteln: Wenn ich lieb und nett bin, dann werden die anderen lieb und nett zu mir sein.

Das klingt ein bisschen wie die Nächstenliebe. Ist es aber nicht. Liebkinder – nicht mit „Liebeskinder“ zu verwechseln – spielen gerne den Harmlosen. Das macht sie entweder langweilig oder zur idealen Besetzung für den heimtückischen Mörder in einem Horrorfilm.

Wie gesagt: Liebkind spielen ist nur eine Strategie, eine von vielen. Man kann auch Bengel, Bock, Schlingel – auch Psychopathen – spielen und bestens zurecht kommen.

Gaddafi, zum Beispiel. Er spielt Psychopathen. Absolut genial. Auch wenn er geschasst wird (das wird sicherlich auch passieren), wird er noch lange weiter toben dürfen. Es lohnt sich Psychopathen zu spielen. Aber nur, wenn es ein Spiel ist.

Westerwelle reihe ich unter die Böcke ein. Seine Bockigkeit hat ihm lange Jahre gut gedient. Und er hat sich ihrer nie geschämt. In Amerika sagt man: When things get tough, the tough get going. Etwa: Die Zähen kommen erst richtig in Gang, wenn das Gehen zähflüssig wird. Bald geht er kaum fünfzigjährig mit beneidenswerter Rente in den einstweiligen Ruhestand. Hat Zeit für Reisen, Business und sogar um ein durch die Blume erzählendes Buch zu schreiben. Darf außerdem jederzeit für Aufregung sorgen. Es lohnt sich durchaus bockig zu sein.

Oder Schlingel: Freund S., ein Schotte, war in der Sprachschule mein Kollege. Das ist viele Jahre her. Einmal kam er verkatert zum Unterricht – kommt vor, wenn man Schotte ist und die ganze Nacht gezecht hat – und ließ auf seine Klasse (die meisten mittelständische bayerische Hausfrauen) eine Schimpftirade los: „Ihr seid alle Gnomen, ihr Bayer mit eurem lächerlichen Gamsbarthütchen und dergleichen.“ Sagte er allerdings alles auf Englisch.

Wie hat man auf diese Schimpfkanone reagiert? Manche Schülerinnen kamen nach der Klasse zu mir, also zum Liebkind, um ihrem Entsetzen Ausdruck zu geben. „Das ist ja allerhand. Er hat uns alle als Gnomen beschimpft!“

„Was? Gnomen? Warum?“ antwortete ich äußerst liebenswürdig.

Entsetzen? Ha, sie liebten ihn – ab dann sogar abgöttisch. Ich glaube er hat mit der Hälfte der Frauen geschlafen.

Kein Wunder, dass Liebkinder die Schlingel, die Psychopathen und die Böcke bewundern. Liebkinder sind ja eigentlich nur möchtegernschlingel, -psychopathen und -böcke. Sie trauen sich bloß nicht.

Sie haben Angst, man werde das Liebkind nicht mehr lieben.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich diesen spannenden Diskurs über die Menschentypologie über Sie ergieße. Erbauliches habe ich wirklich nicht im Sinne. Nein, ich habe mich an ein Ereignis erinnert, und plötzlich plätscherte diese Meditation heraus. Es geschah vor vielen Jahren auf einem Fest. Ich stand da mit zwei Kollegen, und wir unterhielten uns. Alle waren lieb und nett zu mir. „Sag mal, PJ, wie kommt es, dass du PJ heißt? Das sagten sie so lieb, so interessiert, dass ich folgende Geschichte erzählte:

„Ich war zwölf Jahre alt und wusste schon damals, dass ich Schriftsteller werden wollte. Damals hatte ich viele Kurzgeschichten eines englischen Schriftstellers namens Saki gelesen. „Saki“ war sein nom de plume. Ich meinte: Auch ich brauche einen Schriftstellernamen und kam auf die Idee mich „Pujab“ (sprich „pu-dschab“) zu nennen. Doch damals gab es einen Comic in der Sonntagsbeilage der Zeitung. Er hieß „Little Orphan Annie“…

Zack! Meine Zuhörer wechselten das Thema. Ich war noch mitten im Satz. Keine Ahnung, worüber sie dann redeten. Sie waren jedenfalls nicht mehr interessiert, den Rest meiner schönen Anekdote zu erfahren. Dabei hätte ich noch so viel zu erzählen gehabt.

Zwei Lehren habe ich aus diesem Abend gezogen: 1.) Liebkind? Nein Danke. Lieber höflich und frech (was nicht mit psychopathisch, bockig usw. zu verwechseln ist – ganz andere Kategorie also) 2.) Ein Schriftsteller muss lernen, sich zu mäßigen. Weniger ist immer mehr. Wer interessiert sich wirklich, warum ich PJ heiße? Das Geheimnis um meinen Namen ist allemal spannender als der Name selbst.

 

*Liebkinder stehen unter Ferner liefen

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