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Das Wort als Ware

Welchen Wert hat ein Wort? Es handelt sich hier selbstverständlich um eine Fangfrage, die ich stelle, weil ich weiß, dass es im internationalen Blätterwald gang und gäbe ist, freie Mitarbeiter nach Wörtern (z.B., in den USA) oder Anschlägen (in Deutschland) zu bezahlen. Jedes Wort bekommt also einen fixen Wert. Fragen Sie mich nicht nach der Höhe. Ich habe keine Statistik erhoben und will es auch nicht.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich übe hier keine entrüstete Kritik an einem Wirtschaftssystem. Jede wirtschaftliche Leistung hat nunmal ihren Wert. Warum nicht auch die Arbeit der Wortschmiede?

Ja, warum nicht? Weil sich Worte manchmal nicht mit Gold, Silber, Kokain oder Freikarten zum Tina-Turner-Konzert aufwiegen lassen. Weil Worte manchmal so kostbar sind, dass man ihnen kein Preisschild anhängen kann.

Ende der Predigt, die ich mir nur deshalb ausgedacht habe, weil ich von einem schönen Buch erzählen möchte: „Economy of the Unlost“ von der kanadischen Schriftstellerin (und Altphilologin) Anne Carson. Notabene: „Economy“ ist in diesem Titel als vielschichtiges Wortspiel zu verstehen und lässt sich zeitgleich mit „Wirtschaftssystem“, „Sparsamkeit“ und „Haushalten“ übersetzen. „Unlost“ klingt im Englischen ebenso komisch wie „unverloren“ im Deutschen.

Das Buch handelt von zwei Dichtern: Simonides von Keos, der um das Jahr 468 v.Chr. etwa 90 jährig starb, und Paul Celan. Ich befasse mich hier nur mit Simonides. Aus drei Gründen wurde er in der griechischen Antike berühmt: erstens, weil er ein genialer Dichter war (von dessen Werken allerdings leider nur wenige Fetzen noch erhalten geblieben sind); zweitens, weil er als Erfinder der Gedächtniskunst („Mnemotechnik“) gilt (darüber vielleicht ein anderes Mal); und drittens, weil die Griechen behaupteten, er sei der erste Schriftsteller, der sich Geld, sprich Münzen, für seine Arbeit nahm.

Als gäbe es andere Möglichkeiten, von der Schriftstellerei zu leben! Damals schon. Ein Wortschmied suchte nach einem Gönner. Das waren meistens Könige, Statthalter oder Tyrannen. Für die hat man Loblieder und sonstige Unterhaltungen geschrieben. Als Gegenleistung genoss man die Gastfreundschaft des Mäzens. Und die war nicht ohne. Man war also Berufsschmeichler. Wer keinen Gönner fand, nahm an Wettbewerben teil. Das war aber ein hartes Brot. Der Schriftsteller hatte es nicht leicht. Es hat sich bis heute nichts daran geändert.

Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien Simonides seine schriftstellerischen Leistungen in Rechnung gestellt hat. Er hatte jedenfalls großen Erfolg. Aber seine Art Geld zu verdienen war so ungewöhnlich, dass er bald den Ruf des Geizhalses hatte. Noch Aristoteles, der immerhin 150 Jahre nach Simonides lebte, schimpfte auf diesen geschäftstüchtigen Berufsdichter.

Letztlich aber machte seine Geschäftsstrategie Schule. Bereits die nächste Generation der Dichterkönige, zum Beispiel Bakchylides (ein Neffe von Simonides) und Pindar tingelten auf der Suche nach tiefen Taschen durch ganz Hellas, um ihre Kunst gegen hard cash zu veräußern. Jahrtausende später haben die Gesetze des Kapitals alles längst auf die Reihe gebracht.

Ende der Geschichte? Auf keinen Fall. Wissen Sie, dass die ersten griechischen Schriftsteller, die nur ein paar Generationen vor Simonides lebten, ihre Tätigkeit ausschließlich als Priester des Wortes ausübten? Genauer gesagt: Ihre Worte galten als heilig. Durch Klang, Rhythmus und Sinngebung sollten in kultischen Handlungen wichtige Botschaften mitgeteilt werden.

Und dann mit einem Mal, zack! Das Wort ist zu einer Ware geworden. Glückwunsch. Sie haben soeben beim Sprachbloggeur eingekauft. Klick! sagt der Zähler.

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