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Notizen zum „Wir-Gefühl“ im Deutschen

Am vorigen Samstagabend mit Freunden und Bekannten zusammen. Aus heiterem Himmel wird die deutsche Sprache zum Thema.

„Wolffsohn hat Westerwelle kritisiert, weil Westerwelle in einer Rede wir Deutsche’ anstatt ‚wir Deutschen’  gesagt hat.“

Das berichtet ein alter Freund – nennen wir ihn „Viktor“.

Gemeint waren Bundeswehrprofessor Michael Wolffsohn und Außenminister Guido Westerwelle.

„Ich würde spontan auf ‚wir Deutsche’ tippen“, sage ich. „Mein Ohr ist fremd, aber ich bilde mir ein, dass ich kaum ‚wir Deutschen’ höre.“

„Mein fremdes Ohr schließt sich dir an“, sagt – nennen wir ihn „Robert“, der als Kind nur Polnisch sprach.

„Vielleicht wird ‚deutsch’ hier als Adjektiv gebraucht“, fügt E. hinzu, er ist Amerikaner wie ich, „Man versteht dann implizit 'deutsche Menschen’ .“

„N-e-e-i-i-n“, sagen alle unisono.

„Was meinst du`“ frage ich G. „Du bist einer der wenigen Muttersprachler in der Runde.

„Ich bin Österreicher. Wir sagen: ‚Wir Österreicher’. Ich habe noch nie in meinem Leben nach ‚wir’ das Wort ‚deutsch’ über die Lippen gebracht.“

„Ich sehe das Problem folgendermaßen“, sagt der Sprachbloggeur, „Die deutsche Sprache unterscheidet zwischen dem bestimmten Artikel, also ‚der’, ‚die’, ‚das’ und dem unbestimmten, also ‚ein’ ‚eine. ein’. Man sagt ‚der Deutsche’ und ‚die Deutschen’, aber ‚ein Deutscher’ und ‚einige Deutsche’. Die Frage muss lauten: Wird ‚wir’ als bestimmt oder unbestimmt erachtet?

„Sehr richtig, Herr Sprachbloggeur“, sagt „Robert“. „Denkst du an ein bestimmtes Wir oder ein unbestimmtes?“

„‚Wir Deutsche’, ‚wir Deutschen’. Sagt man beides oft genug, findet man bald keinen Unterschied mehr“, sage ich. „Ich werde im Internet nachschauen.“

„Das hättest du seit Tagen tun können. Es ist das große Thema in der Blogosphäre“, sagt „Viktor“.

„Ich hab’s. Ein ‚Wir-Gefühl’ kann beides sein, ‚bestimmt’ und ‚unbestimmt’“, sagt „Robert“.„Vielleicht ist das das Problem.“

„Oder Wolffsohn hat sich geirrt“, sagt der Sprachbloggeur.

„Wolffsohn hat immer recht“, pariert „Viktor“.

Ich bin trotzdem der Sache auf den Grund gegangen und wurde im Internet ohne große Mühe fündig. Die Antwort habe ich bei Kollegen Bastian Sick gefunden. „Zwiebelfisch“ hat das Thema schon 2005 aufgegriffen – also lange vor dem Wolffsohn-Westerwelle-Streit. Auch er sieht das Phänomen der „bestimmten“ und „unbestimmten“ Wörter als Basis für seine Überlegungen. Er hat die Sache wie immer sehr lustig erzählt. Ich werde aber seine Witze hier nicht zum Volksgut machen.

Meine Schlussfolgerung habe ich „Viktor“ als Mail geschickt: Ich zitiere:

Lieber „Viktor“,

et Homerus nudit. Das heißt nicht, dass Homer sich auszieht, sondern dass auch er nickt – sprich nicht unfehlbar ist.

Auch Wolfssohn ist nicht unfehlbar.

Hier ein Link zu „Zwiebelfisch“ (2005) über "Wir Deutsche – wir Deutschen".

Kurz gefasst: Beide Formen sind möglich. Der Duden ist allerdings der Meinung, dass "Deutschen" auf dem Vormarsch und „Deutsche“ im Rückzug begriffen ist. Das war jedenfalls der Stand der Dinge 2005. Ich halte das Urteil des Dudens für verfrüht.

Grüße

PJ

Notabene, liebe Leser. Den Link zu „Zwiebelfisch“ gebe ich hier nicht an. Das Fieseln mit „Hypertext“ ist mir noch immer zu mühsam. Googeln Sie ihn selbst unter Stichwörter „Wir Deutsche – wir Deutschen“ und „Zwiebelfisch“. Sie kommen gleich ans Ziel.

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