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Wie wäre es mit einer kleinen Katastrophe?

Vielleicht könnte mir jemand netterweise erklären, wie man es richtig sagt: Handelt es sich bei den uringelben Flecken an der Decke meines Bades und an der Wand hinter den überfüllten Bücherregalen meines Arbeitszimmers um einen Wasserschaden oder um Wasserschäden? Ich weiß es leider nicht. Man hat mir beides konstatiert. Muttersprachler sind hier gefragt.

Das gleiche Problem habe ich übrigens in Bezug auf die Rohre– sind das Rohre oder „Röhren“? Ursache meiner Wasserschäden – bzw. meines Wasserschadens war nämlich ein Rohrbruch.

O Sprache der Deutschen, warum quälst du den armen Ausländer – Entschuldigung, ich meine den armen Menschen mit Migrationshintergrund – mit derartigen Feinheiten, die einen deutlich als einen Ratlosen outen?

Die Geschichte begann am Freitagnachmittag – natürlich gleich vor dem Wochenende, wenn sich alle (bzw. fast alle) Handwerker auf geheimnisvolle Weise in ein Nichts auflösen, um erst Montag wieder sichtbar zu werden. Das Wasser tröpfelte penetrant durch die Decke. Plupp. Plupp. Plupp. Wie durch ein Wunder erreichten wir den Notdienst. Der nette Herr kam um 17h an, stellte im Bad ein Entfeuchtungsgerät  auf, das tagein tagaus zu laufen hat. Es summt noch lauter als mein geliebter Tinnitus. Doch dann sagte er: „Die Bücherregale müssen auch weg. Wir kommen nächste Woche wieder, um auch die Wand in ihrem Arbeitszimmer zu behandeln.“

Bücherregale weg. Einfach gesagt. Das sind ca. eintausend Bücher. Eine Katastrophe. Die Welt geht unter, denkt man als erstes, wenn alles schief geht. Doch entschloss ich mich, aus meiner Notlage eine Tugend zu machen. Ich entschloss mich, mein Arbeitszimmer endlich neu zu ordnen. Schon während ich die Regale abbaute, habe ich etwa 20% meiner Bücher aussortiert. Es sind hauptsächlich Bücher, von denen ich weiß, ich werde sie nie lesen. Manche besitze ich mehr als dreißig Jahre: eine Geschichte der Medici, zum Beispiel, und eine des Kapitalismus, das Gesamtwerk von Teilhard de Chardin, die philosophischen Werke von Carl Friedrich von Weizsäcker und vieles andere mehr – inklusive ein Buch über die Makroökonomik.

Außerdem werde ich einen Elektriker bestellen, um mir an der entblößten Wand ein paar Doppelsteckdosen anbringen zu lassen. Ich habe nämlich in meinem Arbeitszimmer nur zwei Einzeldosen (und soviele  Verlängerungsschnüre mit Mehrfachdosen, dass mein Sohn behauptet, irgendwann einmal würden die Kabel zu kochen anfangen).

Heißt es nicht, Not mache erfinderisch? Ich möchte diese Binsenweisheit mit einer eigenen ergänzen. Die fiel mir heute ein, als ich um 12h die Katastrophennachrichten  guckte (für Journalisten sind Katastrophen ein Brotgeschäft). Diese eigens formulierte Binsenweisheit lautet: Die Natur verträgt kein Chaos. Eine hoffnungsvolle Aussage, nicht wahr? Und ich empfehle Ihnen, sie sich zu Herzen zu nehmen. Denn es stimmt: Man sucht nach der ersten Verzweifelung stets nach der Möglichkeit einer Neuordnung der Dinge.

Weil wir gerade von Katastrophen sprechen: Am Sonntagabend habe ich kurz im Fernsehen geglotzt und ein bisschen „channel-surfing“ betrieben.

Zufällig schaltete ich eine Katastrophenshow ein. Sehr interessant, wie man vermeintliche künftige Katastrophen mit den raffinierten Mitteln der Computeranimation anschaulich machen kann. So, zum Beispiel, einen Tsunami, der eines Tages angeblich über die Ostküste Amerikas fegen und alle Städte bis Philadelphia dem Erdbodengleich machen soll. Man sah sehr schöne – überzeugende – Bilder von der totalen Verwüstung. Wer schwache geographische Kenntnisse hat, lernt dabei viel. Zudem hat man erfahren, dass es Vulkane im Yellowstone Nationalpark gibt, die, sollten sie eines Tages in die Luft gehen, ganz Amerika in Schutt und Asche legen würden. Die pechschwarze Wolke würde dann die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen. Alle – oder zumindest die meisten – Tierarten und auch viele Menschen würden elend zugrunde gehen. Somit wären auch viele Leser des Sprachbloggeurs nicht mehr am Leben. Auch das wäre eine Katastrophe.

Das Wichtigste habe ich vergessen zu sagen: Mit diesen schrecklichen Ereignissen ist – so die Sendung – im Jahr 2012 zu rechnen. Etwas mit dem Aztekenkalender – oder war das der Mayakalender? So schnell vergisst man die Details.

Aber jetzt komme ich zum Wort „Katastrophe“ selbst. Seit langem wollte ich Sie mit dem Inhalt einer Glosse bekannt machen, die ich im März 2010 in der FAZ gelesen habe – lange bevor einige bekannte Katastrophen – zum Beispiel der Tod Michael Jacksons und Michael Ballacks Knöchelverletzung – die Welt erschütterten:

"Umkehr" hieße es auf Griechisch. Ursprünglich sei es ein terminus technicus gewesen und habe im griechischen Drama die Umkehr bezeichnet, die „auf einen friedvollen Ausgang zusteuert“. Ich zitiere „thom“ – so das Kürzel des Autors der Glosse. Peu à peu wurde das Wort dann aber negativ  belegt, und dabei ist es bis heute geblieben.

Meine Wasserschäden werden in absehbarer Zeit behoben sein, und ich schäme mich, diese als „Katastrophe“ zu bezeichnen, zumal alle Städte bis nach Philadelphia zu Strandgestein werden könnten. Aber wer weiß? Vielleicht steuert alles doch auf einen friedvollen Ausgang zu. Immerhin: Die Natur verträgt kein Chaos – zumindest nicht sehr lange.

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