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Hurra! Ich integriere mich!

Impulsive Menschen sind gefährlich. So einer bin ich. Kaum sichtete ich das Bild von Linying Reiss im „Spiegel-Online“ mit der Überschrift „Ich bin nicht integriert, ich bin Chinesin“, sah ich spontan rot.

Nein, nicht „rot“ wie in „Rotchina“. Ich bin nicht immer zu Wortspielen aufgelegt.

Vielmehr dachte ich: Nicht schon wieder eine larmoyante Selbstdarstellung darüber, wie schwer es ist, als Zuwanderer, sich in einen Einheimischen zu verwandeln.

Frau Reiss ist Kunstmalerin. Ein reizendes Bild von verschiedenfarbigen Fröschen begleitete ihren Text: rote, orange und blaue Frösche. Ein roter Frosch kann aber nie zum blauen werden. Das muss jeder Maler wissen! Das dachte ich .

Was Linying Reiss betriff, habe ich mich jedenfalls getäuscht. Das passiert mir immer, wenn ich nur die Überschriften überfliege und mir den restlichen Text lediglich einbilde. Erst als ich den Aufsatz in aller Ruhe las, wurde mir klar, wie sehr ich mich geirrt hatte. Frau Reiss ist nämlich bereits ganz schön „integriert“, obwohl sie erst seit elf Jahren in Deutschland lebt. Sie hat sowohl Familie wie auch Beruf (Malerin und Schriftstellerin).

Ich verstehe sehr wohl, dass Linying Reiss nach bescheidenen elf Jahren im fremden Land noch immer behaupten will, sie sei nicht integriert, sondern Chinesin. Nach elf Jahren in Deutschland habe ich mich ähnlich ausgedrückt. Heute sage ich: Ich bin integriert, ich bin Amerikaner.

Vor fünf Jahren wurde ich im österreichischen Rundfunk interviewt. Es ging damals um mein Buch „Kaspar Hausers Geschwister“. Die Rundfunksprecherin stellte mich als „der amerikanisch-deutsche Schriftsteller P.J. Blumenthal“ vor. Noch nie hatte man mich so bezeichnet. Jahrelang galt ich als „der amerikanische Schriftsteller…“ oder „der in München lebende Amerikaner“. Auf einmal wurde aus mir ein „amerikanischer Deutscher“. Ist eigentlich richtig, dachte ich. Es entspricht der Wahrheit.

Sagt man nicht umgekehrt, dass Einstein ein „Deutsch-Amerikaner“ war? Nach erster und zweiter Heimat wird man häufig etikettiert. Demnach wäre Frau Reiss eine „chinesische Deutsche“.

Hier meine Theorie: „Integration“, liebe Deutsche, liebe Migrationshintergründler, – und damit meine ich eine echte Integration – , scheint erst dann vonstatten zu gehen, wenn der Zugewanderte seine neue Identität verinnerlicht hat, ohne dass er die alte abgelegt hat – bzw. das Gefühl hat, er müsse sie ablegen.

Während meiner Kindheit in der Bronx war es nicht anders. Wir Kinder verstanden uns als waschechte Amerikaner. Trotzdem waren wir ein buntes Mischvolk: Italiener, Juden und Iren. (Später kamen noch die Puertorikaner dazu). Unsere Familiennamen verrieten die unterschiedlichen Herkünfte. Aber nicht nur unsere Familiennamen. Jedes Völkchen sprach auch einen etwas anders schattierten Dialekt des New Yorker Englisch. Das ist freilich alles lange her, und ich glaube, dass diese Dialekte allmählich aussterben. Dafür gibt es im Einwanderungsland USA ganz bestimmt neue Dialekte, die ebenso leicht herauszuhören sind.

Liebe Frau Reiss. Integrieren Sie sich weiterhin schön. Das gleiche wünsche ich allen Mitmigrationshintergründlern. Und zahlen Sie ganz brav in die Rentenkasse. Das macht Zuwanderer auf der ganzen zivilisierten Welt so beliebt. Außerdem gehört es zur guten Form.

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