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Die Flusskrebse des Herzogs von Alba: eine Demarche

Ein Mann steht neben seinem Wort. Genauer: Ein Strichmännlein steht neben einem gestrichelten Quadrat, das aussehen soll wie ein Mund. So schreibt man „Wahrheit“ auf Chinesisch.

Schon habe ich meine Kenntnisse der chinesischen Schriftzeichen (fast) vollständig erschöpft.

Und doch habe ich Ihnen die – momentan – gefährlichste Vokabel der chinesischen Sprache erläutert. Dieses Schriftzeichen bedeutet nämlich „Wahrheit“.

Sind Sie auch auf einen kurzen Text gestoßen, der vor ein paar Tagen in vielen Zeitungen – meistens auf Seite 23 neben der Werbung für Billigflüge – veröffentlicht wurde? Es ging um eine Demarche (Diplomatensprache für „Einspruch“), die die chinesische Regierung an diverse europäische Botschaften verteilen ließ: der eindringliche Appell, die Nobelpreisverleihung an Liu Xiaobo am 10. Dezember in Oslo als Zeichen der Solidarität mit China fernzubleiben. Befreundete Regierungen wurden fürderhin gebeten, Liu nicht zu gratulieren und dafür zu sorgen, dass in der Presse die Sache unerwähnt bleibe.

Und haben Sie von der Schanghai „Flusskrebsaffäre“ erfahren? Das chinesische Schriftzeichen „Flusskrebs“ bedeutet auch „Harmonie“. „Harmonie“ wiederum sagt man auf Chinesisch schönrednerisch für „Zensur“. Es ging um Folgendes: Künstler Ai Weiwei wollte vor kurzem eine Party schmeißen, um seinen Rauswurf aus seinem Schanghaier Atelier zu „feiern“. Passend zu dieser Abendgesellschaft sollten Flusskrebse serviert werden. Zugegeben: eine milde Provokation. Prompt hat ihn die Polizei unter Hausarrest gestellt.

Mit Worten wie „Tibet“, „Ai Weiwei“ oder „Liu Xiaobo“ – geschweige denn „Platz des himmlischen Friedens“ – macht man sich im heutigen China schnell verdächtig.

Armes China. Solcher Aufwand, um das dürre Strichmännchen, das neben seinem Mundwerk steht, zu ersticken. Als wäre das im Zeitalter der Inforevolution überhaupt möglich!

Ein kurzer Rückblick. Wir schreiben das Jahr 1567. Die protestantischen Niederlande sind Besitz der spanischen Habsburger. König Philipp II schickt Álverez de Toledo, den Herzog von Alba, einen langen Strich von einem Menschen, als Statthalter in die Niederlande. Der eifrige Herzog will mit den lästigen niederländischen Reformisten endgültig aufräumen, um das Land für den katholischen Glauben zurückzugewinnen.

Alba kennt die neuralgischen Punkte seiner Welt ebenso präzise wie Hu Jintao, Staatspräsident Chinas, die seiner Welt. Folglich lässt er alle Drucker, Verleger und Buchhändler umbringen und ihre Geschäfte dem Erdboden gleich machen. (Schließlich schreiben wir die Zeit der Gutenbergrevolution). Für Alba war freilich das allergefährlichste Buch das Buch der Bücher, die Bibel. Wie jeder heute weiß: Die römische Kirche hat damals die Ausgabe der heiligen Schriften für Unbefugte als außerordentlich gefährlich erachtet.

Es kam aber, wie es kommen musste, ganz anders. Albas Eifer machte die Niederländer keinesfalls gefügig. Im Gegenteil. Der Widerstand potenzierte sich schlagartig. Der nicht gerade zimperliche Herzog reagierte schnell: Er ließ Tausende von Widerständlern abschlachten und hinrichten. Doch auch diese beherzte Reaktion erbrachte die erwünschte Wirkung nicht.

Inzwischen watete Alba bis zu den Schienbeinen in Blut. (Das ist nur Bildersprache. Soviel Blut ist bestimmt nicht geflossen). Bald wurde die Sache aber dem medienbewussten Philipp zu peinlich. 1573 pfiff er seinen Alba zurück. Die spanische Herrschaft über die Niederlande war trotz alledem bald zu Ende.

Am liebsten würde ich diese Glosse als Demarche an die chinesische Regierung schicken. Leider habe ich die Adresse nicht, und ich kann auf Chinesisch lediglich „China“, „Mann“, „gut“ und „Wahrheit“ schreiben.

Ich hoffe, Präsident Liu Xiaobo wird mehr Verständnis für diese Demarche zeigen. Wer zweifelt noch daran, dass er eines Tages Präsident wird?

In eigener Sache: Die nächsten zwei Wochen keine Glossen. Bin schon wieder in Ihrem Dienst auf Reise. Werde dann wie immer von der Innen- und Außenwelt bunt berichten.

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