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He! Du nix verstehen?

Wer kann das Gastarbeiterdeutsch noch?

Ich! Ich! liebe Deutschmuttersprachler. Mich hat man häufig in diesem Idiom angesprochen. „Nein, nein. Du nix hier unterschreiben. Du dort unterschreiben. Verstehen?“

Jo, mei. Dös waren ja Zeiten. Ausländer waren noch Ausländer und Daitsche Daitsche.

In meinem Ausländerkreis – wir waren hauptsächlich Engländer, Amerikaner und Schotten – haben wir gerne über diese Sprache gescherzt. Hat uns jemand auf Gastarbeiterdeutsch angesprochen, so antworteten wir: „Entschuldigung, können Sie kein Deutsch? Brauchen Sie Hilfe oder vielleicht ein Wörterbuch ?“

Ja, auch wir waren lustige Kerle.

Das Gastarbeiterdeutsch ist heute so gut wie tot. So tot wie das Lateinische und das Kornische. Junge Leute machen keine Erfahrungen mehr mit der Sprache, und die Alten möchten sie am liebsten vergessen. So sehr ist sie aus der Mode gekommen.

Dabei war sie auf dem besten Weg, einmal eine richtige Sprache zu werden. Ich denke, zum Beispiel an den Titel des Fassbinderfilms „Angst essen Seelen auf.“ Ich nix verstehen damals, , dass dieser Titel falsches Deutsch war. Ich habe den Satz gedankenlos hingenommen, als hätte ich gelesen „Angst isst Seelen auf“ oder „Ängste essen Seelen auf“. Wenn das nicht Sprache ist…

Ich schreibe diese Erinnerungen aber nicht aus Gründen der Sentimentalität nieder. Nein, so weich ist meine Birne noch nicht. Ich schreibe über das Thema, weil es höchste Zeit ist, dass sich jemand endlich mit ihm befasst.

In der Sprachwissenschaft bezeichnet man das Gastarbeiterdeutsch als ein „Pidgin“. Pidginsprachen wurden früher von Kolonialisten gebraucht, um sich mit Eingeborenen zu verständigen. Ein Pidgin ist eine Vereinfachung der eigenen Sprache – und das war das Gastarbeiterdeutsch auch.

Pidginsprachen sind nützlich, wenn man sich mit Untertanen oder Sklaven unterhält. Zu bemerken: Sprache ist ein Machtinstrument. Solange ein Sklave die Hochsprache nicht beherrscht, kann er sich nicht einbilden, dass er kein Sklave ist. Eine Pidginsprache ist also, genau genommen, eine textilfreie Gefängnisuniform. Man wird deutlich gekennzeichnet.

Manchmal passiert es aber, dass eine Pidginsprache an die eigenen Kinder weitergegeben wird. Im Nu verwandelt sie sich in eine richtige Muttersprache. Dieses Phänomen nennen die Sprachwissenschaftler Kreolisierung. Eine Pidginsprache wird also zu einer Kreolsprache.

Das passierte, zum Beispiel, in Haiti. Das verballhornte Französisch der Sklavenhalter wurde peu à peu zu einer reichhaltigen Muttersprache namens „Kreyòl ayisyen“. Vordergründig scheint sie eine Vereinfachung des Französischen zu sein, tatsächlich ist sie aber ein vollblutiges Vehikel, um auch die ausgefeiltesten Ideen und Seelenregungen auszudrücken.

Die „Gettosprache“ der Afroamerikaner in den USA ist gleichfalls eine Kreolsprache mit eigener Grammatik. Wer die Sprache nicht perfekt beherrscht, wird von den native speakers leicht als Ausländer geoutet. („ahm hipp“, d.h. „ich verstehen“).

Stellen Sie sich vor: Das Gastarbeiterdeutsch hätte auch zu einer Kreolsprache werden können. Das ist aber nicht passiert, weil es in Deutschland Schulpflicht gibt und weil „Gastarbeiter“ keine Sklaven waren. Außerdem: Die Deutschen stellten fest, dass sie gerne Döner, Thai-Takeout, Hamburger und Indisch essen. Erster Schritt der Integration. Heute spricht keiner mehr Gastarbeiterdeutsch. Außerdem gibt es keine „Gastarbeiter“ mehr. Dieses Wort ist restlos veraltet. Auch die „Ausländer“ verschwinden allmählich. Wir sind alle Migrationshintergründler geworden.

Ich habe mich ohnehin nie als „Gastarbeiter“ verstanden. War auch keiner. Fragte mich einer, was ich in Deutschland mache, so antwortete ich mit Vorliebe: „Ich bin da, um einem Deutschen den Arbeitsplatz wegzunehmen.“ Jo mei, ein lustiger Kerl war ich mal.

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