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Die Leitkultur und die Leidkulturen

Schon sind zwei Wochen vergangen, seit der neue Bundespräsident seine mit Spannung erwartete Rede zum 3. Oktober gehalten hat und längst kann sich fast niemand mehr an einen einzigen Satz erinnern – mit Ausnahme von einem: „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Fast jeder kennt diesen Satz, weil kaum ein Tag vergeht, ohne dass er in den Medien zitiert wird.

Wer hätte gedacht, dass sich dieser Satz zum Brennpunkt einer großen Kontroverse mausern würde? Die einen halten ihn für richtig, die anderen für völlig inakzeptabel.

Ich vertrete weder die eine noch die andere Meinung. Ich halte den Satz für eine Fehlgeburt.

Falls Sie meinen, ich beabsichtigte nun, dem Bundespräsidenten (oder seinen Redenschreibern) brutal auf den Schlips zu treten, irren Sie sich. Schließlich hat ein Sprachbloggeur die Pflicht, sich Gedanken über Sprache zu machen, auch wenn der eigene Sprachgebrauch weit von perfekt ist. Perfekt ist nur die Natur.  Dahlien, Pfingstrosen und Mangos, zum Beispiel, sind perfekt. (Auch das meint nicht jeder. Das ist aber ein anderes Thema).

Doch zur Sache. Der Satz, „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, ist aus folgendem Grund eine Fehlgeburt: Er propagiert genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich will. Genauer gesagt: Er untergräbt das Konzept der Leitkultur.

Ja, ja, ich weiß. Da Stoiba, da Schlawina, hod amol große Radau mit dem Wort gemacht. Und jetzt provozieren Seehofer und die Bundeskanzlerin die Gemüter mit dem gleichen politisch unkorrekten Konzept. (Dass machen sie natürlich aus politischem Kalkül, denn der Union laufen die Wähler davon). Aber egal. Fakt ist: Es gibt in Deutschland tatsächlich eine Leitkultur. Das sollte nicht überraschen. Es gibt auch in England, in Frankreich, in Italien, in Marokko, in der Türkei und in Gaza eine. Auch in den USA.

In seiner Rede wollte der neue Bundespräsident mit dem Begriff der „judäo-christlichen Kultur“ auf diese Leitkultur hindeuten. Auch hier wurde er unabsichtlich unpräzise. Schade. Nie haben die Juden an der Leitkultur dieses Landes teilgenommen. Im Gegenteil. Ihnen wurde vielmehr die Rolle der Leidkultur zugewiesen, was nicht bedeutet, dass sie über die Jahrhunderte übermäßig gejammert hätten. Sie haben gelitten und trotzdem ihren Platz zu finden versucht.

Diese Lage trifft nicht nur auf die Juden zu. Jeder Zuzügler macht irgendwie eine Leidenszeit durch. Das liegt in der Natur der Dinge. Die der Juden war freilich etwas extrem. Muslime sind hierzulande nicht die „neuen Juden“. Dafür sind sie viel zahlreicher als es die Juden jemals waren. Trotzdem kommen auch manche von ihnen mit ihrer vorübergehenden Rolle als Angehörige der Leidkultur nicht zurecht. Das Jammern wäre aber die falsche Strategie. Man sucht lieber fleißig nach dem eigenen hart errungenen Platz.

Aber zurück zur Rede des Bundespräsidenten. Besagter Satz, „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ ist aus einem einfachen Grund eine Fehlgeburt: Herr Wulff wollte in Wirklichleit mit seiner Aussage etwas ganz anders ausdrücken. Er meinte eigentlich: „Aber Muslime gehören inzwischen auch zu Deutschland.“ Nota bene: „Muslime“ ist nicht identisch mit „der Islam“. Gleiches hätte er über Juden (im Unterschied zum jüdischen Glauben), Italiener, Jugoslawen, Amerikaner und alle, die sich hier heimatlich gemacht haben, sagen können. Alle gehören zu Deutschland, wenn sie sich hier niederlassen.

Die Leitkultur in Deutschland bleibt so wie sie immer war: christlich mit römischen, keltischen und germanischen Wurzeln. Das ist nicht schlimm. Wer zu Deutschland gehört – auch wenn er kein Christ ist oder sein Stammbaum nicht nach Rom oder zu den Westgoten führt – , darf Ramadan feiern, Koscher essen und alle sonstigen Gepflogenheiten seines ursprünglichen Kulturkreises pflegen, solange sie nicht in Konflikt mit dem Grundgesetz kommen. Und er darf an der Leitkultur teilnehmen. Diese pauschal abzulehnen, ist immer ein Fehler.

Wenn Herr Wulf bereit ist, anständig zu zahlen, schreibe ich ihm gerne seine nächste Rede zur Nation.

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