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Warnung vor digitalem Alzheimer

Es war an einem Dienstag um 16.32…Sorry, ich verrate hier weder Monat noch Jahr. Urplötzlich schalteten sich die Bildschirme ab. Alle. Handys und Smartphones verstummten. Alle. Uhren standen still. CDs und DVDs waren auf einmal leer. Alle. Flashmemory war weg samt Urlaubsbildern. Auf der Intensivstation hörten die Steuerungsgeräte auf zu piepsen , Aufzüge stockten, die schönsten Autos kamen nicht mehr vom Fleck…Alle.

Wissen Sie was geschehen ist?

Habe ich gerade den Anfang eines gruseligen Science-Fiction-Romans skizziert? Wenn ja, dann schenke ich die Handlung einem/einer anderen Schriftsteller/in.

Mich treibt vielmehr eine Fantasie um, die sich vorgestern in mir auftat, als etwas Schlimmes passiert war. Schlimmes. Diese Webseite, die ich so liebevoll eingerichtet habe und wie einen blühenden Garten begieße und betreue, war einen ganzen Tag nicht erreichbar. Wer während dieser Zeit den Sprachbloggeur anklickte, bekam folgende Meldung: „Upps! This page is broken.“ oder so ähnlich. Ich habe den genauen Wortlaut bereits vergessen. Unangehmes will man schnell aus dem Gedächtnis entsorgen.

Als begabter Paranoiker begann ich mir den größten anzunehmenden Unfall (GAU) auszumalen. Etwa: Der Sprachbloggeur und seine Beiträge würden für alle Zeiten aufhören zu sein. Das ist keine leere Fantasie. Diese Beiträge sind nunmal digitale Impulse. Nur wenige habe ich auf Papier ausgedruckt.

Inzwischen hatte ich Freund Edward, auf dessen Server diese Seite beheimatet ist, kontaktiert. Er antwortete, dass der Server auf dem wiederum sein Server beheimatet ist (fragen Sie mich bitte nicht, was das bedeutet), einer Megapanne erlitten hatte. „Die Datenbank stürzte ab…“ schrieb er. „Es ist das erste Mal, dass wir – ja überhaupt jemand – so etwas erlebt haben.“

Damit hat er meine paranoide Fantasie noch intensiver gefüttert. „Ist es theoretisch möglich“, fragte ich ihn in einer Mail, „dass alle Server – weltweit – simultan abstürzen könnten, mit dem Resultat, dass der gesamte Bestand an digitalen Informationen augenblicklich aufhören würde zu existieren…für immer?“

„So ist es“, schrieb er. „Die Ursache wäre eine massive EMP (elektromagnetische Pulsierung), zum Beispiel, wenn ein großes Kraftwerk in die Luft flöge. Etwas in dieser Größenordnung könnte uns auf der Stelle ins Analogzeitalter zurückwerfen. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich und eher als Folge künftiger Kriegsführung vorstellbar.“

„Könnten auch Sonnenstürme das Gleiche bewirken?“ fragte ich.

„Warten wir bis 2012“, antwortete er leicht spöttisch. Er bezog sich damit auf die großen Sonnenstürme, die die Erde in diesem Jahr heimsuchen werden. Obendrein mailte er mir einen Artikel über dieses Katastrophenthema. Haben Sie gewusst, dass die Sonnenstürme 1958 besonders intensiv waren? Man konnte damals die Nordlichter bis nach Mexiko sehen. Damals hat es freilich noch keine PCs, Handys usw. gegeben. Man weiß nicht, wie diese wohl auf die elektromagnetischen Impulse reagieren werden.

Den Stuxnet-Wurm nicht zu vergessen, der momentan die Steuerung iranischer Atomanlagen gierig frisst. Manche munkeln, dass dieser Cyberangriff den Anfang des Dritten Weltkriegs einläutet. Fragen Sie mich bitte nicht, ob das stimmt oder nicht.

Ich frage mich nur: Soll ich meine abertausenden Digitalbilder auf die Schnelle ausdrucken oder zumindest aussortieren? Will ich meine große Bibliothek wirklich in den Papiermüll entsorgen und nur noch in E-Büchern auf Smartpapier schmökern?

Wissen Sie, dass nur drei Prozent der gesamten altgriechischen Literatur heute noch vorhanden ist? Simonides von Keos galt in der Antike als der begnadetste Poet. Von seinen einst hochgepriesenen Werken sind heute nur noch Fetzen vorhanden. Die Werke Sapphos wurden im frühen Mittelalter von prüden Geistlichen auf den Müll geworfen. Letztlich entscheidet allein der Zufall, welche Werke den Zeiten trotzen, welche untergehen. Ein digitaler GAU wäre aber anders. Er wäre eine demokratische Vernichtung: Es würde nichts übrigbleiben. Kein Bit kein Byte.

Schreibmaschinen bitte nicht in den Werkstoffhöfen abgeben, schwere Fotoapparate entstauben und entharzen, Bücher auf keinen Fall zum Altpapier bringen.

Für den digitalen Alzheimer gibt es – zumindest gegenwärtig – keine Heilung. Sie ist so endgültig wie der Punkt am Ende dieses Satzes.

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