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Was der Bettler erzählte…

Ich sehe ihn seit Monaten im wetterfesten Durchgang vor unserem Supermarkt. Er sitzt da auf dem Boden. Nein, nicht auf dem Boden, auf einer Decke. Neben ihm links Tüten und ein Stapel Decken, die er als Ellenbogenstütze benutzt. Rechts von ihm eine Milchtüte aus dem Supermarkt.

Lange habe ich gedacht: Ja, ja. Einer von denen aus Rumänien. Man gibt ihm eine kleine Spende, und er muss das, was man ihm in die Hand gedrückt hat, an einen gewaltbereiten Mafioso-Traktierer abgeben. Darüber habe ich in der Boulevardpresse öfters gelesen. Sie sollen Mitleid erwecken, diese Bettler. Oft humpeln sie auf der Straße mit einer Krücke unter der Achsel herum oder haben verdrehte Beine. Oder es sind elendige Frauen, die auf dem Boden sitzen und ein Kleinkind hin- und herschaukeln. Sie arbeiten alle miteinander für berüchtigte Bettlermafiosi. Soviel zu meinen Kenntnissen.

Der Bettler vor dem Supermarkt hatte keine Krücke und veranstaltete kein Armutstheater. Im Gegenteil. Er war immer bestens gelaunt. Einmal habe ich ihm eine Brezen aus der Bäckerei ausgehändigt. Er bedankte sich und sprach einen Segen aus. Ha! Eine Brezen können ihm die Mafiosi nicht wegnehmen, habe ich gedacht. Ich war sehr stolz auf meine List.

Letzte Woche war ich bestens aufgelegt – und spendabel. Heute gebe ich ihm zwei Euro, dachte ich. Ich kam aus der Bäckerei, ging auf ihn zu , drückte ihm den Zwickel in die Hand und fragte: „Sagen Sie, dürfen Sie das Geld behalten oder müssen Sie es an jemanden abgeben?“

„Nein“, antwortete er. „Ich bin kein Rumäne, auch kein Zigeuner, sondern Bulgare, darüber hinaus der einzige bulgarische Bettler in ganz München. Wenn Sie mir zwei Euro spenden, dann sollen Sie wissen, dass ich das Geld für mich behalte.“

So seine Antwort in sehr gepflegtem Deutsch. Man erkannte den Bulgaren daran, dass er „juber“ anstatt „über“ sagte. Das war das Prolog zu einem halbstündigen Gespräch, das ich hier  mit Rücksicht auf die Dramaturgie leider nicht in allen Details wiedergeben kann. Dazu würde ich mehrere Seiten gebrauchen. Hier wenigstens ein paar Highlights.

Erstens: Er erzählte, dass er seit zehn Jahren im Sommer drei Monate in München verbringe, um zu betteln. „München ist ein Eldorado für Bettler. Die Menschen sind hier sehr spendabel.“ Früher sei er mit dem Bus von Sofia über Prag nach München gefahren. Das war eine anstrengende Reise. Sie dauerte drei Tage und kostete ca. 140 Euro. Es gibt übrigens, so erfuhr ich, einen Taxidienst aus Prag. Der Fahrer transportiert fünf Passagiere nach München und kassiert etwa 50 Euro pro Person. In München holt er zurückkehrende Bettler und Diebe ab. Neuerdings reist mein Gesprächspartner aber lieber via last-minute-Flug. Das kostet etwa 56 Euro von Sofia direkt nach München, ist bequem, und man spart obendrein Geld.

Zweitens: „Ich bin nicht nur Bettler“, sagt er mir. „Ich bin Poet und habe in meiner Heimat sechzehn Bücher veröffentlicht.“ Nun zitierte er – auf Deutsch – aus Goethe, Novalis und Hesse. Dann folgte ein eigenes Gedicht – von ihm selbst aus dem Bulgarischen ins Deutsche übersetzt – ein sehr trauriges Gedicht über die Kinderlosigkeit seiner Frau. Schließlich trug er ein Gedicht auf Englisch vor – auch eine eigene Übersetzung. Es war ein gepflegtes Englisch. „Ich spreche sechs Sprachen.“

Drittens: Er klärte mich über die rumänischen Bettlermafias auf. „Es gibt keine rumänischen Bettlermafias, lediglich Familien, die en gros nach Westeuropa reisen, um kollektiv zu betteln oder zu klauen. Stündlich macht einer aus dem Clan die Runde und sammelt das Geld von den anderen ein und versteckt es. Das ist ein Schutzmechanismus für den Fall einer Festnahme. Die Polizei beschlagnahmt nämlich das gebettelte Geld.“ Und weiter: „Die Journalisten haben die Idee einer Bettlermafia selbst erfunden. Sie stellen zu wenige Fragen, beobachten schlecht und möchten alles nur sensationalisieren.“

Nach einer halben Stunde ließ ich ihn wissen, dass ich zu tun hätte und dringend weiter müsse. „Ich habe Ihnen noch viel zu erzählen“, sagte er. „Das machen wir aber ein anderes Mal.“

Am nächsten Tag sah ich ihn wieder. Er schrieb gerade in ein kleines Heft und wirkte sehr konzentriert. Ich gab ihm einen Euro. Ich weiß nicht, ob er mich in dem Augenblick gleich einordnen konnte. Ich hatte ohnehin keine Zeit, um mich mit ihm zu unterhalten.

Dennoch wollte ihn fragen: „Sie sind Poet und gebildet, kein Analphabet aus dem Dorf. Warum müssen Sie betteln?“ Falls ich ihn wieder antreffe und die Antwort vermittelbar ist, sage ich Ihnen Bescheid.

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