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Gene im Angebot – diese Woche billig!

Hallo liebe Gene-Träger!

Wie geht es heute mit der Vorprogrammierung?

Fühlen Sie sich dumm? schlampig? engstirnig? oder ratzfatz-gescheit?

Schade, dass ich heute nicht Englisch, sondern Deutsch schreibe. Auf Englisch hat „genes“ nämlich den gleichen Klang wie „jeans“. Meine Überschrift für die englische Version dieses Textes hieße „Genes for Sale“.

Wie dem auch sei. Jede Sprache hat ihre Vor- und Nachteile, wenn man zu heiteren Wortspielen aufgelegt ist.

Doch zurück zu den Genen: Vor dreißig Jahren hat mich mein damaliger Chef nach Yorkshire geschickt, um eineiige Zwillingsbrüder zu interviewen. Ihre Namen habe ich leider vergessen, den doppelten Whiskey, den mir der eine eingeschenkt hat, vergesse ich aber nie. Es war abends. Ich war müde und gestresst. Schnurstracks hatte der Whiskey alle Ecken und Zacken meiner gereizten Seele abgerundet. Es ging mir blendend.

Es handelte sich bei diesen Brüdern um zwei genetisch identische Menschen, die aus Gründen, die ich leider nicht mehr aus dem Stegreif aufrufen kann, kurz nach der Geburt, getrennt und in verschiedenen Familien aufgezogen worden waren – lange ohne Kenntnis von der Existenz des jeweiligen anderen. Als ich sie – selbstverständlich getrennt – interviewte, hatten sie sich erst seit wenigen Wochen wieder kennengelernt. Sie waren ca. vierzig Jahre alt.

Damals, als ich meine Interviews machte, war es große Mode, getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge unter die Lupe zu nehmen. Man wollte anhand von solchen Schicksalen eine wichtige Frage beantworten: Welche Eigenschaften sind dem Menschen angeboren, welche werden durch die Umwelt erworben?

Als ziemlich unversierter Nichtwissenschaftler besaß ich alle Voraussetzungen, um meine Aufgabe grottenschlecht zu erfüllen. Dennoch habe ich doch ein bisschen entdecken können: zum Beispiel, dass  meine Zwillinge beide Angst vor Spinnen hatten. Genetisch bedingt? Wer weiß. Beide tapezierten ihre Wände mit den allerhässlichsten bunten Tapeten. Yorkshire Spezialität oder die Gene? Was weiß ich? Es gab jedenfalls auch Unterschiede. Zum Beispiel, der eine hat mir einen Whiskey eingeschenkt, der andere eben nicht. Der eine kam mir forsch, nachdenklich und sozial engagiert vor. Er war verheiratet und hatte Kinder. Der andere wirkte eher schüchtern und lebte mit seiner Frau (ich glaube, sie hatten keine Kinder) sehr zurückgezogen. Von ihm habe ich übrigens den Whiskey bekommen.

In den 80er und den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen mehrere Bücher zu diesem Thema. Manche Fallstudien deuteten darauf, dass die Gene vielleicht doch manches beeinflüssen. Zum Beispiel, das Schicksal der jüdischen Jungen Jack Yufe und Oskar Stöhr. Sie wurden 1933 in Trinidad geboren. Oskar kehrte mit seiner Mutter nach der Scheidung nach Deutschland zurück und wurde Hitlerjunge. Jack wuchs als Jude in Trinidad auf. Trotz der langjährigen Trennung teilten sie dennoch den gleichen nervigen Humor. Beide liebten es, in einem vollen Aufzug laut zu niesen. Beide trugen übrigens auch gerne Gummibänder am Handgelenk.

Dann gab es die erstaunliche Geschichte der getrennt großgewordenen Zwillinge James Alan Lewis und James Allen Springer. (Die jeweiligen Eltern hatten sich diese Namen für die Babys ausgesucht). Beide heirateten Frauen mit dem Namen Linda, und beide hatten einen Hund namens „Toy“. Es gab hier auch andere sehr merkwürdige Ähnlichkeiten. Man kann den Fall bestimmt genauer googeln.

Anhand von Beobachtungen an getrennt großgewordenen eineiigen Zwillingen hielten es die Forscher für bewiesen, dass es eine genetische Komponente für viele Neurosen, für Autismus und für Schizophrenie gab. Aber auch für Humor, Intelligenz und sogar für die Rechthaberei. Den genetischen Einfluss schätzten sie allerdings meistens mit etwa 50% ein. Was bedeutet 50%? Hier ein Beispiel: meine Mutter.

Sie war so gescheit, dass sie in der 6. Klasse ausgewählt wurde, eine Klasse zu überspringen (also genetisch bedingte Intelligenz). Das wollte sie aber nicht. Sie wollte lieber in der gleichen Klasse bleiben wie ihre engste Freundin Mimmi. Sie besuchte also mit Mimmi die Realschule, machte sich ein schönes Leben und quittierte vorzeitig die Schule, also ohne Abschluss. Bis heute interessiert sie sich nicht für das Weltgeschehen, löst hingegen eifrig das Kreuzworträtsel in der Zeitung. Die Genetik ist also nur die halbe Miete.

Wenn Sie meinen, ich schriebe dies, um Herrn Thilo Sarrazin zu diskreditieren, dann irren Sie sich. Herr Sarrazin befasst sich kaum mit der biologischen Genetik, sondern eher mit der Wirkung vom kulturellen Erbe. Das sind wirklich zwei paar Schuhe. Wer möchte leugnen, dass die meisten Menschen an ihrem kulturellen Erbe teilnehmen? Nur deshalb gibt es Unterschiede zwischen den Völkern.

Und gerade deshalb biete ich diese Woche meine Jeans billig an. Es sind nämlich Kleidungsstücke, die unterschiedlich wirken, je nachdem, was man für eine Figur hat.

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