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Gibt es einen Himmel und eine Hölle? Hier eine verbindliche Antwort!

Es dürfte vor etwa zehn Jahren gewesen sein, als ich Ethel wiederentdeckte. Es war auf der Bronx-Seite, einem Heimatforum im Internet. Die Bronx ist meine – und Ethels – Heimat.

Ethel und ihre Schwester Leni wohnten mit ihren Eltern ein Stockwerk tiefer als meine Familie. Da Ethel etwa neun Jahre älter ist als ich, hat sie als Babysitterin auf meinen Bruder und mich aufgepasst. (Notabene: Der Name „Ethel“ ist Angelsächsisch und bedeutet „adel“, ist allerdings aus der Mode gekommen). Ich kann mich an diese Zeit nur sehr dunkel erinnern, z.B., wie ich eines Nachts Kopfweh hatte und elendiglich jammerte. Das arme Mädchen war überfordert, musste ihren Vater holen, der mir damals wie ein deus ex machina vorkam und mir eine halbe Aspirintablette verabreichte. Damals wusste man noch nicht, dass Aspirin unter seltenen Umständen für Kleinkinder lebensgefährlich sein kann. Egal. Ich erzähle hier nicht die Geschichte eines Schmerzmittels (obwohl sie nicht uninteressant ist). Ich möchte vom Wunder des Internets berichten.

Denn als ich Ethel wiederentdeckte, hatte ich  seit über vierzig Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt. (Für Leser unter 35 folgender Hinweis: Vierzig Jahre sind wirklich nicht so viel Zeit – zumindest nicht, wenn man sie mit Erinnerungen füllen kann).

Wie soll ich dieses Ereignis beschreiben? Das WehWehWeh, dieser Sündenpfuhl, diese Informationswildnis, dieser wilde Westen für postpostmoderne Kaufmenschen, ist zugleich ein Sinnbild für das Leben nach dem Tod.

Damit meine ich: Alles findet sich wieder. Was längst als verschollen galt, ist plötzlich wieder da. So war es, zum Beispiel, im Fall von Ethel und mir. Die Biographie eines jeden Einzelmenschen wird im Internet globalisiert, anderen zugänglich gemacht. Die Spuren (fast) aller Menschen, die jemals eine Rolle im eigenen Leben gespielt haben, findet man wieder, egal wo sie sich momentan aufhalten. Das Internet kennt keine geographischen oder sonstigen Grenzen.

Als ich Ethel vor zehn Jahren wiederentdeckte, war diese Art von elektronischem Erlebnis noch immer ein Novum. Heute im Zeitalter des „Social Networking“ ist es zur Alltäglichkeit geworden. Allein „Facebook“ zählt weltweit 500 Millionen „Mitglieder“. (Ich bin nicht eins von ihnen, das ist aber eine andere Geschichte – die ich bereits geschrieben habe – siehe „Big Facebook is watching YOU!“). Dennoch habe auch ich manchmal neugierig nach den Spuren alter Liebschaften, Freundschaften und Feindschaften im Gesichtsbuch herumgeschnuffelt.

Im Leben nach dem Tod will man freilich nicht jeden Menschen, mit dem man einst die Schulbank gedrückt hat, wiedersehen. Wozu auch? Man geht nunmal verschiedene Wege im Leben. Man hat einander oft viel zu wenig zu sagen. Die „guten alten Zeiten“ zu feiern, wird schnell zur grausamen Öde. Mit Ethel ist das übrigens anders. Sie ist wie Familie. Wir schreiben uns regelmäßig und erzählen uns ausschließlich aus der Gegenwart.

Soviel zum Leben nach dem Tod. Nun eine ganz andere Sinngebung für das WehWehWeh, auf die ich erst seit ein paar Tagen gekommen bin.

Kollege Jeffrey Rosen hat im „New York Times Magazine“ einen äußerst interessanten Text über das „Social Networking“ veröffentlicht, in dem er auf eine neue digitale Gefahrenzone hinweist. Nämlich: Das Internet vergisst nichts. Das heißt: Auch Jahre nachdem man einen blöden Text oder ein peinliches Bild ins Netz geschickt hat, geistert dieser Abklatsch des Gewesenen fürderhin herum. Das kann auch Konsequenzen nach sich ziehen.

Rosen berichtet, zum Beispiel, von der jungen Lehrerin, die vor fünf Jahren, als sie fünfundzwanzig war, ein freizügiges Party-Foto mit kühnem Spruch ins Netz hochgeladen hatte. Ausgerechnet wegen dieses Bildes wurde ihr aber neulich die Zulassung als Lehrerin verweigert. Eine dumme Geschichte. Für mich aber der Hinweis, dass das Internet vielleicht als Abbildung der Menschenseele herhalten könnte.

Damit meine ich: Das Internet ist, wie die Menschenseele, ein enormer Speicher. Nichts, was jemals eingeprägt wurde, wird wieder gelöscht, höchstens verdrängt oder vergessen. Jegliche Belanglosigkeit aus der Vergangenheit, ja jedes Verbrechen, das einmal „gespeichert“ wurde, besteht weiter, auch wenn man diese lange nicht beachtet.

Bestimmt haben Sie die Erfahrung gemacht: Wie aus dem Nichts erinnern Sie sich plötzlich an etwas, was lange verschüttet war. Ja, es ist alles vorhanden. Alles. Meine Theorie: Das Gehirn ist ein Filter, dessen Aufgabe es ist, das Vergessen zuzulassen. So gesehen, ist das, was wir „Bewusstsein“ nennen, lediglich ein filtriertes Erinnern.

Die Toten werden aber zu gehirnlosen Wesen. In diesem Zustand verfügt die Seele über kein Filter mehr. Mit der Folge: Nichts bleibt ihr verborgen. Ein Vergessen ist nicht mehr möglich. Wer braucht Himmel und Hölle, wenn man das eigene Gedächtnis hat?

Zugegeben: Ich spekuliere nur. Schließlich bin ich aber Schriftsteller, und das Spekulieren ist nun mal mein Geschäft.

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