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"Griechische Liebe" für eifrige Geschichtsklitterer

Zunächst Persönliches:

Ich war sechszehn, strichdünn und niedlich. Es war im März, und ich wartete im tiefen, frischen Schnee auf den Bus. Wir befinden uns in New York City, Stadtteil Queens.

Ein Wagen hielt an. Der Fahrer, untersetzt, vielleicht Mitte dreißig, machte die Wagentüre auf. „Die Busse fahren nicht, sie stecken im Schnee“, erklärte er hilfreich. „Steig ein, ich fahre den gleichen Weg.“

Beinahe dankbar bin ich eingestiegen. Smalltalk. Er sagte, ich solle mich entspannen, den Mantel aufmachen. „Hast du eine Freundin?“ fragte er. Vielleicht habe ich ja gesagt. „Und? Was für Sachen machst du mit ihr, äh?“ Der schlüpfrige Ton war freilich nicht zu überhören. Nun stellte ich fest, dass er sich mit der rechten Hand seinen Oberschenkel intensiv bearbeitete, als würde er an etwas sägen. Er hörte jedenfalls nicht auf, über die „Liebe“ zu plappern. Knaben sind höflich, wenn sie mit Erwachsenen reden. Außerdem war ich noch zu jung, zu unerfahren, um zu wissen, dass er mir zu nahe trat. Instinktiv habe ich aber stets ausweichend auf seine Fragen geantwortet.

Endlich meine Chance. „Ach, da ist meine Ecke“, trillerte ich mit klaustrophobischer Freude, „hier steig ich aus.“

„He, warte. Willst du einen Blowjob?“ fragte er nun, zur Handlung genötigt.

„Nein, danke“, antwortete ich geschwind und stürzte aus dem Wagen.

„He, deinen Schuh, du hast deinen Schuh im Auto gelassen.“ In der Tat, ich stand mit dem Socken im Schnee. So ist es, wenn man’s eilig hat. Ich schnappte ihn mir sehr schnell aus der ausgestreckten Hand und ließ die Autotür dankbar zufallen.

Nun denken Sie wahrscheinlich, dass der Sprachbloggeur anhand dieser Anekdote auch seinen aufklärerischen Beitrag zum allgegenwärtigen Thema päderastischer Übergriffen leisten will. Sie irren sich. Mein Interesse gilt heute der Antike. Genauer gesagt: Ich möchte die Altgriechen in Schutz nehmen. Denn ihre, wie es im Moment heißt, „idealisierte Knabenliebe“,muss  häufig als Modell für die Fummeleien zeitgenössischer Schutzbefohlener herhalten.

Insbesondere werden Platon und Sokrates als Schutzheilige der Kinderschänder hochgehalten. Ich sage nur: Schmarrn.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Der griechische Päderast ist keine Erfindung tüchtiger Verleumder oder schwärmerischer Fans  des frühen Abendlands. Es gab ihn tatsächlich – und in jener altertümlichen Gesellschaft vielleicht sogar zahlreicher als in der heutigen. Schließlich ist auch „Päderast“ eine griechische Vokabel: „Pais“ bedeutet „Knabe“, „erastos“ „(aktiver) Liebhaber“. Es kam wirklich vor, dass gestandene Mannsbilder zu „Beschützern“ von attraktiven, bartlosen Knaben wurden – dies allerdings hauptsächlich in vornehmen Kreisen. Und es kam auch vor, dass bei solchen Beziehungen eine gewisse „erotische“ (auch eine griechische Vokabel) Komponente vorherrschte. Wobei „erotisch“ nicht unbedingt mit der Berührung intimer Zonen gleichzusetzen ist, auch wenn die Griechen – wie viele Völker der Antike – insgesamt weniger Berührungsängste im (männlichen) Umgang hatten als wir.

Sokrates, dessen Meinungen und Gedanken wir dank den Schriften Platons und Xenophons kennen, wurde aber nie müde zu betonen, dass die körperliche Intimität keinen Platz in der Lehrer-Schüler-Beziehung habe.

Dennoch haben griechische Erotomanen ihre Neigungen nie verheimlicht bzw. verheimlichen müssen wie die heutigen es tun, die Schweigegeld bezahlen oder im Falle eines Verrats mit Mord drohen. Hier ein besonders anschauliches Beispiel: Xenophon stellt in seinem „Gastmahl“ den reichen Dandy Kallias vor, der sich in den hübschen Boxkampfsieger, den Teenager Autolykos, verschossen hat. Dem Angebeteten zu Ehre schmeißt Kallias ein Gastmahl, zu dem auch Sokrates eingeladen wird. Raten Sie mal, wer sonst unter den Gästen ist: Der Vater des begehrten Knaben! Tut das heute der päderastische Geistliche oder der schlüpfrige Lehrer? Nein, er will seiner Neigung lieber im Dunklen huldigen.

Die Griechen haben diese Neigung ohne Scheu kundgetan.

Trotzdem wurden die griechischen Knaben vom Gönner weniger vernascht als man sich das vielleicht vorstellt. Das überrascht, nicht wahr? Es war aber so. Was hingegen unter den Griechen doch sehr häufig vorkam, waren erotische Techtelmechtel unter Jünglingen selbst. Die Tonmalerei gibt dafür viele bunte Beispiele.Wissen Sie aber, warum Knabenliebschaften so zahlreich waren? Weil im alten Griechenland eine Beziehung zu einem Mädchen (wenn sie keine Sklavin war) strengstens verboten war – so wie heute in manchen islamischen Kulturen. In Saudi Arabien sind Liebschaften zwischen Jünglingen, wen wundert’s, sehr verbreitet.

Nebenbei: Richtige homosexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern galten in Griechenland nicht als „griechische Liebe“. Männer in solchen Beziehungen nannte man schlichtweg „kinaidoi“, etwa „schwule Säue“.

Ich habe dieses Thema heute keineswegs erschöpft. Ausführlicheres lesen Sie in meinem heiteren neuen Roman, „Hierons Gastmahl oder das Wort als Ware“. Verleger und Autor haben sich allerdings noch nicht gefunden.

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