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Warum Goebbels meine Mutter nicht gemocht hätte

Wenn Joseph Goebbels noch lebte, würde er meiner Mutter Folgendes sagen: „Wenn du einmal angefangen hast zu lügen, dann bleibe auch dabei!“

Er würde das sagen, weil er ein Meisterlügner war.

Meine Mutter hingegen ist keine Meisterlügnerin. Sie will seit Jahren ihr Alter verheimlichen, bleibt aber nie bei der gleichen Geschichte. Als ich klein war, hat sie, zum Beispiel, stets behauptet, sie sei 39. Irgendwann haben wir verstanden, dass sie nur Witze macht.

Später, als sich meine Eltern in einer so genannten „retirement community“ (Seniorensiedlung) in der Nähe von Phoenix, Arizona, niedergelassen hatten – damals waren beide Mitte siebzig – haben sie sich entschlossen, mit dem Alter zu mogeln. Sie machten sich also beide fünf – oder waren es zehn? - Jahre jünger. Diese kurzbeinige Lüge sorgte aber nach und nach für erhebliche Schwierigkeiten – vor allem, weil die Eltern mein Alter und das meines Bruders weiterhin unverfälscht wiedergaben. „Warst du fünfzehn, als du deinen ältesten Sohn bekamst?“ fragten die Freunde und Bekannten, die sehr wohl zu rechnen wussten.

Meine Eltern reagierten stets mit Schweigen, still wie die Sphinx.

Hat alles nicht geholfen. Alle wussten, dass sie mit dem Alter kokettierten, bzw., schummelten. Sie haben das  gewusst, weil alle das gleiche Spiel spielten.

Goebbels hätte gesagt: „Wenn du einmal angefangen hast zu lügen, dann bleibe auch dabei!“ Ja, so hätte der Meisterlügner gesprochen. Er hat aber etwas von der Politik kapiert, obwohl er Nazi war.

Irgendwann hörten die Freunde und Bekannten auf, meine Eltern zu fragen, wie alt sie seien. Inzwischen kannte man sich schon einige Jahre, und die Sache mit dem Alter war ohnehin nicht mehr so interessant. „Die Betty erzählt, sie sei 83“, sagte mir meine Mutter einmal. „Das kann aber nicht stimmen. Denn Bob war schon 25, als er in den Krieg ging, und sie haben immer wieder behauptet, sie seien gleich alt.“ Undsoweiter. Auf gleiche Weise rechneten die anderen die Widersprüche aus, die meine Eltern aufgetischt hatten.

„Wenn du einmal angefangen hast zu lügen, dann bleibe auch dabei.“ Mann muss aber ein Goebbels sein, um diesen Lehrsatz konsequent durchzuhalten.

Letztes Jahr habe ich zusammen mit meinem Bruder meine inzwischen verwitwete Mutter nach Dallas, Texas umgesiedelt. Darüber habe ich auch mal geschrieben (siehe: „Warum ich Optimist bin“). Nun wohnt sie in einem „Seniorenheim“, wie man so eine Anlage beschönigend nennt. So schlimm ist das Heim aber nicht. Ich bezeichne ihr neues Zuhause lieber als „Grand Hotel“. Jeder hat seine Privatsphäre: eine eigene Wohnung mit Küche und Bad. Am Abend diniert man gemeinsam im Speisesaal, wo es wirklich Leckeres zu essen gibt. Die Bedienungen sind äußerst freundlich und hilfreich (und werden wahrscheinlich reichlich ausgebeutet. Das ist aber eine andere Geschichte), und auf jedem Tisch findet man frische Schnittblumen.

Kurz nachdem Meine Mutter eingezogen ist, verkundete sie mir: „Es ist mir fortan egal. Ich werde künftig jedem, der mich danach fragt, mein Alter verraten.“

„Großartig!“ war meine Antwort.

Aber dann ging’s wieder los. Sie hat zwar anfänglich einigen doch die grausame Wahrheit preisgegeben, aber bald begann sie zum Thema wieder zu schweigen.

„Warum machst du das?“ habe ich sie gefragt.

„Es geht niemanden an, wie alt ich bin.“

Und dann hat sich das Leben , wie so oft der Fall ist, gerächt. Meine Mutter hatte nämlich ihrer neuen Freundin J. ihr wahres Alter enthüllt. J. kann kein Geheimnis länger für sich behalten, als sie braucht, um sich die eigene Nase zu pudern.

Doch es wurde noch bunter: Gestern hatte meine Mutter Geburtstag. Zu ihrem Entsetzen fand sie im Lift einen Aushang, auf dem ihr besonderer Tag ankündigt wurde. Sie war außer sich vor Wut. Nun betrat sie, die Verratene, den Speisesaal, und alle haben unisono „Happy Birthday“ gesungen. Dann flüsterte ihr Tom, ein Mitbewohner, ins Ohr, „Ich weiß, wie alt du bist. Du bist 93 geworden.“

„Ich wollte ihm eine schmieren“, sagte mir meine Mutter.

Alles zu spät. Jetzt wissen es alle. Happy Birthday, liebe Mutter! And many more. Jeder weiß, wie alt du bist. So what.

Nur Goebbels wäre entsetzt gewesen. Der gute Lügner verachtet schon immer den schlechten.

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