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Sprachlos in München – ein Erlebnisbericht

Englischunterricht mit Lothar Matthäus.

Haben Sie schon davon gehört?

Ich muss zugeben. Ich habe davon nichts gewusst – bevor ich gestern früh ins Paradies ging. Wer mich kennt, weiß schon, dass ich mit Paradies Frau M.s Obstgeschäft meine. Für uns Sterbliche das Beste nächst dem Himmelreich.

Frau M. erklärte mir, dass Sie auf den Weg in die Arbeit im Autoradio gelegentlich Englischunterricht mit Lothar Matthäus höre.

(Gedacht habe ich: Wenn es so ist, dann biete ich demnächst Fußballunterricht mit dem Sprachbloggeur. Gesagt habe ich: „Ach was!“)

„Ja“, sagte Frau M. „Heute hat er den Zuhörern beigebracht, wie man auf Englisch ‚das Wasser läuft mir im Mund zusammen’ sagt. Ehrlich gesagt, habe ich aber nicht so ganz aufgepasst. Außerdem klingt sein Akzent, wenn er Englisch spricht, sehr deutsch.“

„Wie Filser-Englisch, wenn Ihnen das was sagt“, fügte Frau B., Frau M.’s Mitarbeiterin, hinzu.

(Aber freilich weiß ich als Wahlbayer, was das Filser-Englisch ist! Ich habe Ludwig Thoma sogar in der Originalsprache gelesen. Und in früheren Jahren habe ich mir die langweiligen „Filserbriefe“ in der Weekend-Ausgabe der SZ angetan. Sie wissen schon: „He has not all teacups in the cupboard“ und dergleichen).

„Ich wollte Sie aber fragen“, sagte Frau M. „Was heißt ‚das Wasser läuft mir im Mund zusammen’ auf Englisch?“

Ich hatte schon gefürchtet, sie würde diese Frage stellen. Denn gerade in diesem Augenblick war mir die englische Übersetzung entglitten. „Mir fällt es momentan nicht ein“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich fürchte, ich bin viel zu lange hier in München . Mir fallen die Wörter nicht mehr ein, wenn ich sie brauche. Manchmal muss ich im deutschen Wörterbuch ein englisches Wort nachschlagen und manchmal umgekehrt. Ich bin der Mensch ohne Sprache geworden.“

Natürlich hat Frau M. freundlich und aufbauend auf meine Klage geantwortet. Aber es stimmt, was ich sagte. Manchmal stehe ich da und bin total ohne die passenden Wörter in der passenden Sprache. Alzheimer? Erste Zeichen einer Demenz? Oder bin ich vielleicht keine Übersetzungsmaschine? Wohl eher das.

Vorgestern Abend ist mir Unangenehmes widerfahren. Ich war mit dem Motorroller zum Nymphenburger Schoss gefahren, um mich dort mit meiner Frau zu treffen. Im Hubertussaal spielte eine lustige Kammeroper, wirklich lustig. Es war noch Tag als ich ankam und schon dunkel – stockdunkel sogar – , als die Vorführung zu Ende ging. Ich schmiss die Maschine an (meine Frau, die sich stur weigert als Sozia mitzufahren, ist schon zur Tram vorgegangen). Nun stellte ich fest, dass das Licht nicht brannte.

Natürlich habe ich versucht auch ohne Licht auf Schleichwegen nach Hause zu fahren. Ja, ich weiß, dass das gefährlich ist. Darüber tobte meine Frau auch später. Es hatte ohnehin keinen Sinn. Denn nach wenigen Metern hielt mich ein Streifenwagen an. Die netten Polizisten haben mir erwartungsgemäß die weitere Fahrt nicht erlaubt. Sie haben mir empfohlen, den Roller zur nächsten Tankstelle (sie war ganz in der Nähe) zu schieben, um dort das Licht richten zu lassen. Das habe ich auch gemacht.

An der Tankstelle arbeitete ein sympathischer, hilfreicher junger Mann. Die Reparatur klappte aber nicht. Also rief ich den ADAC an. Und jetzt komme ich auf meine Wortlosigkeit zu sprechen. Ich war plötzlich unfähig, das Wort „Scheinwerfer“ auszusprechen. Mir fiel es einfach nicht ein. „Licht“, „Lampe“ konnte ich sagen – auch „headlight“ auf Englisch, „Scheinwerfer“ aber nicht. Irgendwie schaffte ich es trotzdem, dem ADAC mein Dilemma zu erläutern. Eloquent war ich jedenfalls nicht.

Übrigens: Der Roller ist immer noch nicht in Ordnung. Nur das Standlicht funktioniert. Das ist aber eine andere Geschichte.

Aber zurück zu Frau M.’s Frage. Wie sagt man „das Wasser läuft mir im Mund zusammen“? Zuhause angekommen, habe ich diese Redewendung prompt nachgeschlagen. Eigentlich ganz easy. „My mouth is watering“, sagen wir, Frau M.! Nur: Warum ist mir das nicht früher eingefallen?

Ein Lothar Matthäus bin ich wohl nicht.

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