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Eine kurze Geschichte des Weinens

Ach Sommer! Ich sitze auf dem Balkon und lausche den sanften Tönen der vorbeirauschenden Autos, der donnernden Hubschrauber und der summenden Wespen, die mich für ein Weißbier oder einen Zwetschgendatschi halten.

Und natürlich hört man im Hinterhof das Plärren der Säuglinge.

Nein, ich beschwere mich nicht. Die plärrenden Säuglinge von heute werden in zwanzig Jahren oder so Ihre und meine (wenn ich noch so lange lebe) Rente finanzieren.

Also plärrt nur weiter, liebe Kinder! Wachst und gedeiht! Und zahlt dann bitte in die Rentenkasse.

Ans Plärren denke ich gerade, weil ich es für den allerersten Schritt auf dem Weg in die Sprachlichkeit halte. I

st es Ihnen jemals eingefallen, dass das Plärren auf der ganzen Welt stets den gleichen Klang hat, als handelte es sich um eine universale Sprache?

Ja, so ist es. Doch es dauert nicht lange: Auf einmal hört sich das Geplärr recht differenziert an. Anfänglich unterscheidet man – zumindest in unserer Kultur – lediglich drei „Wörter“: (Ich habe) „Blähungen“, „Hunger“ und  „schmutzige Windel“.

Der Klang ist so penetrant, dass kein Mensch es überhören kann. Eigentlich eine gute Einrichtung der Natur. Die Kindesmutter weiß sofort, dass sie in diesem Augenblick gefragt ist. Das Weinen erfüllt freilich auch Zwecke jenseits der unmittelbaren Botschaft. Es erzeugt, zum Beispiel, Tränen, die wiederum die Augen reinigen. Außerdem heißt es auf Deutsch nicht umsonst „Schreikind, Gedeihkind“. Das Plärren wirkt nämlich positiv auf die Lungen.

Ja, und immer differenzierter wird das Kindesgewein, bis es nach und nach dem eigentlichen Sprechen weicht. Irgendwie ein Wunder, nicht wahr? Trotzdem bleibt es mir ein Rätsel, wie ein dänisches Menschenkind jemals die Laute „røde grøde med fløde“ („rote Grütze mit Sahne“) meistert. (Nebenbei: Ich habe gelesen, dass der Begriff „tschechische Zwetschgen“ für Dänen kaum zu bewältigen ist).

Wie auch immer. Das Weinen führt zu den ersten Sprachübungen. „Bababa“, „umna“, „gda“ usw. Dieses Thema habe ich aber bereits angeschnitten, als ich neulich über die kleine Alina schrieb. Ihr erstes Wort war „hallo“. Siehe da.

Übrigens: Inzwischen hat Alina mit dem Sprechen große Fortschritte gemacht. Momentan scheint ihr Lieblingswort „Auto“ zu sein. Sie hört nicht auf, auf Autos zu zeigen und sagt jedes Mal stolz dieses Wort. Niedlich.

 Aber nicht Alinas weiterer Weg in die Sprache ist mein Thema, sondern das Weinen. Ich stelle jedoch fest, dass auch Alina, wenn sie sprachlich nicht weiter weiß, ins Weinen zurückfällt. Was heißt „zurückfällt“. In ihrem zarten Alter lebt sie noch immer zwischen zwei Welten; einer sprachlichen und einer vorsprachlichen. Das Weinen bedeutet bei ihr also nur manchmal, dass sie traurig oder irritiert ist. Das Kind weint, wenn es sonst keine Worte findet, um etwas Dringendes mitzuteilen. Zum Beispiel, wenn Alinas Vater sie daran hindert, die Blüten kaputt zu machen, drückt sie sich mit Weinen aus. Aber nur weil sie noch nicht in der Lage ist zu sagen: „Was heißt, ich darf die hübschen Blüten nicht ausreißen. Das macht Spaß, und ihr sagt immer nur nein!.“

Notabene: Dieses Weinen ist mitnichten mit dem Weinen eines traurigen Erwachensen zu vergleichen. Wenn er (oder sie) erst einmal zu weinen angefangen hat, muss er/sie damit fortfahren, bis die Impulse völlig ausgeschöpft sind. Alina hingegen kann das Weinen an- und abdrehen wie einen Wasserhahn.

Doch die Zeit der langen Sätze kommt schneller als man denkt. Eines Tages wird auch Alina vielleicht dazu kommen, diese Zeilen zu lesen. Laut lachend wird sie sagen: „Das war ich? Ha!“

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