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Im Zeitalter der Finanzgrippe und der Schweinekrise

Gestern rief mich A. an. Sie ist 75 und geht einmal im Monat zum Altenklub ihrer Kirche. Die genaue Glaubensrichtung verrate ich nicht – macht ohnehin keinen Unterschied.

„Stell dir vor“, sagte sie. „Ich bin heute in den Altenklub gegangen, und man sagte mir, der Klub sei eingestellt.“

„Angst vor der Schweinegrippe?“ fragte ich.

„Nein. Man hat gesagt, auch die Kirche leide unter der Finanzkrise.“

Gleich habe ich an meine Bank gedacht. Denn auch sie leidet unter der Finanzkrise. Doch zunächst etwas Hintergrundmaterial:

Seit Jahren schickt meine Mutter meinen Söhnen zu Weihnachten und zum Geburtstag Schecks im Wert von fünfündzwanzig Dollar. Ich ging früher mit den Schecks zur Bank und habe sie in Mark wechseln lassen. Alles problemlos.

Vor etwa 10 Jahren war es mit diesem Kundendienst plötzlich vorbei. Die Bank verlangte eine Gebühr, die ungefähr die Hälfte des Scheckwerts war. Ich protestierte heftig:

„Heißt das, dass meine Kinder ihr Weihnachtsgeschenk mit der Bank teilen müssen?“ fragte ich.

„So dürfen Sie es nicht sehen. .Auch wir haben Kosten“, war die Antwort.

Das war, wie gesagt, vor 10 Jahren. Damals hat es noch keine Finanzkrise gegeben, und ich konnte das Problem einfach lösen. Ich habe dem Vorstandsvorsitzenden der Bank einen Brief geschickt und ihm die Leviten gelesen. Nebenbei: Die entsprechende Redewendung auf Englisch lautet „to read someone the riot act“. Zu Deutsch (in etwa): Jemandem den Paragraphen zur Ruhestörung vorlesen. Mit „Leviten lesen“ ist bestimmt das Buch Levitikus gemeint – auch ein Gesetzbuch.

Mein Brief zeigte jedenfalls Wirkung. Ich erhielt ein Schreiben vom höchsten, bonusdotierten Chef persönlich. Darin hieß es, ich dürfe die Geburtstags- und Weihnachtsschecks meiner Mutter in aller Ewigkeit gebührenlos einlösen. Ich war zufrieden, und alles ging jahrelang gut. Eines Tages habe ich das Schreiben leider verschlampt.

Trotzdem durfte ich – aus „Kulanz“ wie es heißt – die Schecks weiterhin gebührenfrei einlösen. Dann kam die Finanzkrise. Mein Banker – nein, er ist kein Bankier – hat mir letzte Woche angekündigt: „Das war das letzte Mal. Sie müssen verstehen, auch ich habe Kosten.“

„Haften Sie persönlich?“

„Nein, so meine ich es nicht. Für die Bank sind Ihre Schecks ein Verlustgeschäft, und ich habe eine Verantwortung gegenüber der Bank.“

Wie gesagt: Heute haben wir Finanzkrise, und ich sollte das Unbehagen des Bankers vielleicht ernst nehmen. Und wer weiß, das mit der Schweinegrippe ist auch nicht ganz ohne. Und was würden wir machen, wenn alle Banken wegen der Schweinegrippe zumachen müssten? Bisher habe ich den neuen Vorstandsvorsitzenden den Paragraphen zur Ruhestörung noch nicht vorgelesen. Ich habe nämlich Mitleid mit ihm. Denn ich weiß, der muss dieses Jahr auf seinen Bonus verzichten, und sicherlich macht er sich in die Hose, falls er Geheimkonten auf den Bahamas oder in Liechtenstein hat.

Was ist zu machen? Im Zeitalter der Finanzgrippe und der Schweinekrise weiß keiner mehr Bescheid.

Eins steht aber fest: Falls ich mal im Lotto gewinne, mache ich einen eigenen Altenklub für A. und ihre Damen auf. Die Kirche sei gewarnt. Acht geben auf die Konkurrenz!

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