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Kommt Zeit, kommt Ratte: eine mutige Selbstentblößung

Mit obigem Titel verweise ich auf ein besonderes Problem des Fremdsprachlers – zumindest dieses Fremdsprachlers.

Bis auf den heutigen Tag muss ich stets achtgeben, dass ich gewisse deutsche Wörter einigermaßen richtig auszuspreche. Konkret: Ich habe häufig Schwierigkeiten, zwischen bestimmten langen und kurzen Vokalen zu unterscheiden. „Ratte“ und „Rat“, „Stadt“ und „Staat“, „ermannen“ und „ermahnen“.

Während Sie längst den Unterschied frohlockend automatisiert haben, muss ich, wenn ich solche Wörter über die Lippen bringe, jedes Mal eine bewusste Entscheidung treffen.

Ich bin überzeugt, ich bin nicht der einzige englische oder amerikanische Muttersprachler, der mit diesem Problem zu kämpfen hat. Komischerweise betrifft es fast ausschließlich die Aussprache des langen und des kurzen „A“. „Betten“ und „beten“ zu unterscheiden, schaffe ich meisterhaft. Auch „poppen“ und „popeln“, „Tuch“ und „Tucke“ rollen mir geradezu fließend von der Zunge.

Als ich aber neulich am Telefon Freund Fritz erzählte, dass die Altgriechen am Gastmahl den Wein aus Schalen und nicht aus Gläsern tranken, merkte ich, dass ich „Schalle“ gesagt hatte. Ich pausierte kurz und wiederholte das Wort – diesmal mehr oder weniger richtig als „Schaaaaaale“. Auch die Ausprache von „Gastmahl“ erforderte bei mir eine gewisse Konzentration. Ich neige dazu „Gaaaastmall“ zu sagen. Diese Gefahr, das kurze und das lange „A“ durcheinander zu bringen, begleitet mich - wie Ohrensausen stets im Hintergrund - täglich durchs Leben, . Sie können sich vorstellen, wie ich darunter leide.

Vielleicht fragen Sie sich, wie ich nachts, von so einer Bürde geplagt, überhaupt schlafen (oder „schlaffen“?) kann (oder „kan“)? Ganz einfach: Kleinmut war für mich schon immer ein Fremdwort.

Aber warum ausgerechnet das „A“? Notabene: Ich stelle mir diese Frage hier als einer, der Deutsch auf dem zweiten Bildungsweg gelernt hat, zum ersten Mal. Und siehe da! Die Antwort ist mir eben eingefallen (eingefahlen?).

Stets zu Ihren Diensten ist der Sprachbloggeur.

Und jetzt wird das Geheimnis gelüftet: Ich bringe gerade diese Vokale so restlos durcheinander, weil wir Englischmuttersprachler das lange „A“ nicht kennen! Jawohl! So einfach ist es. Vor allem kennen wir es in Amerika nicht. Wir verfügen zwar über Wörter die ähnlich lauten wie das lange „A“, wir sprechen sie aber stets kurz aus – zum Beispiel „cot“ (Feldbett) „rot“ (verfaulen) „sot“ (Trunkenbold). Die Engländer haben es vielleicht ein bisschen einfacher. Wo wir Amerikaner das „Bad“ ein „bäth“ nennen (das „th“ wird selbstverständlich gelispelt), sagt der Engländer etwas das vokalisch ans deutsche „Bad“ erinnert. Dennoch ist dem Engländer sein „bath“ allemal kürzer als dem Deutschen sein „Bad“.

Nun habe ich Ihnen eine Schwäche aufgedeckt, die Ihnen erlauben wird, mich (und mir Ähnlichen) aus der Allgemeinheit aufspüren zu können. Falls Sie mal einem begegnet sind, der sich mit obigem Sprachfehler bemerkbar macht, können Sie davon ausgehen, dass Sie es möglicherweise mit mir zu tun haben, oder zumindest einem wie mir. (Als Geheimforscher in Sachen Sprache bin ich ja manchmal in der Republik unterwegs).

Man weiß nie, wo ich zufällig auftauchen könnte, um meine frohe Botschaft des Sprechenmüssens zu verkünden.

Seien Sie aber versichert: Auch wenn es heißt, ich müsste meine Anonymität wegen eines einfachen Vokals preisgeben, werde ich nie und nimmer verstummen. Der Sprachbloggeur bleibt im Einsatz – stets dem Wort auf der Spur.

Ja, und so muss es sein. Wenn man aufhört auf das Wort zu achten, wird es dann eines Tages wirklich heißen: „Kommt Zeit, kommt Ratte“.

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