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Der Sprachbloggeur deutet das Pfingstwunder

Mir fällt gerade der passende Spruch zu Pfingsten ein. Es handelt sich um ein amerikanisches Idiom, das kaum älter als dreißig Jahre sein dürfte. Es zählt meines Erachtens zu den schönsten Redewendungen meiner Muttersprache: „When the going gets tough, the tough get going“. Etwa: Wenn alles beschwerlich wird, dann setzen die Hartnäckigen erst recht an.

Die verbale Schlichtheit des Englischen lässt sich im Deutschen leider nur schwer nachbilden.

Ich probiere es dennoch: Schlägt es dich nieder, dann nieder mit dem Schlag. Naja. Der Schuh passt nicht ganz, aber man empfindet die Schlichtheit der Ausdrücksweise immerhin ein bisschen nach.

Was hat dies mit Pfingsten zu tun? Eigentlich nichts. Da Sie aber bis hierher gelesen haben: Vielleicht gibt es noch Überraschungen und Neuigkeiten zu erleben.

Zum Beispiel das Wort „Pfingsten“. Eigentlich eine schreckliche Verunstaltung einer griechischen Vokabel. Auf Griechisch hieß dieser Feiertag „Pentekoste“, was eigentlich „fünfzig“ bedeutet, genauer gesagt, der fünfzigste Tag nach Ostern, aber das wissen Sie bestimmt schon längst . Die Germanen waren mitnichten in der Lage, dieses griechische Wort korrekt auszusprechen. Manche schafften gerade noch ein unbeholfenes „Pinkoston“ zu sagen. Doch auch das war für die Mehrheit wohl zuviel. Für Germanen war das Aussprechen eines „P“s am Anfang eines Wortes eine wahre Herausforderung. Es wurde meistens in ein „Pf“ verwandelt, ein nasser Genuss für jeden Gegenüberstehenden.

Ich brauche Ihnen über die Geschichte dieses Feiertags eigentlich nichts zu erzählen. Die kennt ohnehin fast jeder . Für den einen oder anderen, der nicht vielleicht Bescheid weiß, hier nur ganz kurz: „Pentekoste“ ist ein Begriff aus dem Wortschatz Griechisch sprechender Juden in der Antike. Letztendlich war er die Übersetzung des hebräischen „Schewuot“, des Namens eines jüdischen Feiertags. Das Wort bedeutet auf Hebräisch „Wochen“. Gemeint sind sieben Wochen, also fünfzig Tage. Das sind die fünfzig Tage nach dem Passachfest – christlich gesagt: nach Ostern. Fünfzig? Warum nicht neunundvierzig? Immerhin geht es um sieben mal sieben. Aus dem gleichen Grund, warum wir „acht Tage“ sagen und eine Woche meinen.

Das besondere am Pfingsten war das Pfingstwunder. Luther schreibt in seiner Übersetzung des Neuen Testaments, dass man begann „zu predigen in anderen Zungen“. Die englische „King James Bible“ übersetzt mit „to speak in tongues“. Auf Griechisch hieß es „lalein heterais glossais“, wörtlich „in anderen Zungen zu brabbeln“.

Keiner weiß genau, was damit gemeint ist. Manche mutmaßen, dass alle in verschiedenen Sprachen redeten und sich trotzdem gegenseitig verstanden haben. Schon möglich. Das wäre praktisch das Gegenteil der Sprachverwirrung am Babelturm. Andere verstehen unter diesem „in anderen Zungen predigen“ ein sinnloses Gebabbel, das trotzdem auf geistiger Ebene verständlich war. In der heutigen Psychologie heißt „Glossolalie“ das Hervorbringen fremdartiger Laute im Zustand religiöser Ekstase – so jedenfalls Duden.

So etwas habe ich selbst erlebt, als ich vor vielen Jahren einmal in der Stadt Buffalo im US-Bundesstaat New York auf eine „holy roller“ Kirche stieß. „Heilige Wälzende“ heißt das wörtlich. Es handelte sich um fundamentalistische Christen. Ich war auf der Jefferson Avenue mit einem Bekannten unterwegs. Plötzlich hörten wir aus einem Haus ein fürchterliches Schreien. Wir wurden prompt neugierig. Jugendliche sind häufig so mutig oder dumm. Soviel wir wüssten, war gerade ein Gewaltverbrechen im Gang . War aber nicht der Fall. Vielmehr entdeckten wir „holy rollers“, die ekstatisch herumtanzten, während der Prediger ihnen etwas vorpredigte – zum Rhythmus eines begleitenden Schlagzeugs. Bei manchen der heiligen Wälzenden sah man nur noch das Weiße ihrer Augen. Manche fielen sogar in Ohnmacht. Andere machten komische Geräusche, die mit Sprache nichts zu tun hatte – Glossolalie also.

Vielleicht waren es „Pentekostale“. Das weiß ich aber nicht. Ich habe sie nicht gefragt. Sie redeten aber in Zungen und waren, da bin ich mir sicher, überzeugt, dass sie sich gegenseitig verstanden haben. Schlägt es dich nieder, dann nieder mit dem Schlag.

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