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Das Rätsel um das unsichtbare "die"

„Kommt dir etwas komisch vor, wenn du diesen Satz liest?“

Das habe ich meinen Sohn gefragt, als ich ihm folgenden Text in die Hand drückte:

„Für Angehörige des öffentlichen Dienstes und Empfänger von Versorgungsbezügen ist zuständige Familienkasse in der Regel die mit der Bezügefestsetzung befasste Stelle des jeweiligen öffentlichen-rechtlichen Arbeitgebers bzw. Dienstherrn.“

„Nein“, antwortete er, „er ist völlig in Ordnung. Aber ich weiß, worauf du hinauswillst. Du meinst, es fehlt ein ‚die’ vor ‚zuständige Familienkasse’.“

„Genau.“

„Aber das stimmt nicht. Man kann den Satz so oder so schreiben. Das haben wir in der Schule gelernt. Das nennt man eine Ellipse.“

„Mir kommt es trotzdem falsch vor.“

„Weil du kein Muttersprachler bist. Glaub mir. Es ist ganz akzeptables Deutsch.“

Er hat mich nicht überzeugt. Als meine Frau nach Hause kam, fragte ich sogleich, ob ihr nicht etwas Komisches auffällt, wenn sie den Satz liest. Die Antwort kam unmittelbar. „Ja, das ‚die’ vor ‚zuständige Familienkasse’ fehlt.“

„Du meinst also, dass dieser Satz ohne ‚die’ falsch wäre.“

„Eindeutig.“

Und Sie, liebe Leser, was meinen Sie? Hat mein Sohn recht? Handelt es sich hier um eine akzeptable „Ellipse“? Oder haben wir, d.h., meine Frau und ich, recht? Ich kann die Frage auch anders ausdrücken: Wurde dieser Text, den ich dem Heft „Merkblatt Kindergeld“ des Bundeszentralamts für Steuern entnommen habe, mit Absicht so formuliert, oder handelt es sich vielleicht um einen einfachen Korrekturfehler? Kommt ja in den besten Familien vor. Alles Fragen, die Dr. Bopp oder ib-Klartext genau beantworten könnten (siehe unter „Links“). Sie sind auf diesem Gebiet die wahren Fachleute.

Doch nun ein neuer Gedanke zum fehlenden oder nichtfehlenden „die“: Kann es sein, dass mein Sohn ein ganz anderes Gefühl für seine Sprache hat als seine Eltern? Kann es, zum Beispiel, sein, dass das, was wir, meine Frau und ich, für einen Fehler halten, für sein Ohr fehlerfrei klingt?

Haben wir es hier wohl mit einem Beispiel aus dem Reich des immerwährenden Sprachwandels zu tun? Immerhin: Auch wenn es sich hier tatsächlich um eine unabsichtliche Schlampigkeit seitens eines Korrekturlesers (ein Computerprogramm, nehme ich an) handelt, ist mein Sohn dennoch bereit, diesen Fehler als korrektes Deutsch zu interpretieren.

Welch Überraschung. Ich habe anfangs gemeint, ich würde das Rätsel um das „die“ in ein paar Sätze abfertigen können, um noch andere Beispiele aus der wandelfreudigen deutschen Sprache vorzustellen. Dieses „die“ hat es offensichtlich in sich, und nun denke ich, dass die Zukunft der deutschen Sprache gewissermaßen von ihm abhängt.

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