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Jugendsprache? Meinung eines Skeptikers

Schon wieder die Jugendsprache, nachdem ich sie vor wenigen Tagen thematisiert habe.

 Warum heute wieder?

 Weil mich ein lieber Freund auf einen Text in der „Welt-Online“ (7. April)  aufmerksam gemacht hat. Der Titel: „Wie sich der Duden bei der Jugend einschleimt“.

 In diesem schön geschriebenen Artikel behauptet Autor Hendrik Werner, dass der Langenscheidt-Verlag und der Duden-Verlag um die Gunst der Jugend buhlen. Letztes Jahr habe Langenscheidt sogar einen Wettbewerb, „Jugendwort des Jahres“ gesponsert. 25.000 Jugendliche haben dem Verlag ihre Lieblingswörter aus der Jugendsprache eingeschickt in der Hoffnung, das eigene Wort könnte zum schönsten gekürt werden. Viele lustige Begriffe waren offenbar dabei: „Gammelfleischparty“ (Eine Party für Menschen ab dreißig), „Stockente“ (einer, der ganz verbissen „Nordic Walking“ praktiziert). Im Artikel erfuhr man leider nicht, welche pfiffige Vokabel gesiegt hat. Ich war zu faul, um nachzuschlagen.

 Auch der Duden-Verlag, so Herr Werner, wolle die Jugend mit einem „Wörterbuch der Szenensprachen“ umgarnen. Auch er gebe Jugendlichen Gelegenheit, ihre allerliebsten Redewendungen einzuschicken. Inzwischen sei einiges zusammengekommen. Zum Beispiel: „Fratzengeballer“, d.h., ein gewaltverherrlichendes Computerspiel, „Dreckberry“ für „Blackberry“, „Mopfer“, also Mobbingopfer.

 Nebenbei: Pons hat vor einigen Jahren ein „Wörterbuch der Jugendsprache“ veröffentlicht. Auf dem Cover heißt es unverblümt: „Unzensiert! Von Jugendlichen für Jugendliche“. In diesem Bändchen findet man „Hülsenfrucht“ (Bierdose), „Terrorkrümel“ (Nervensäge), „Murmelschuppen“ (Kirche) und und und.

 Wie schon gesagt, meint Herr Werner, die Verlage wollten sich bei den Jugendlichen einschleimen. Vielleicht hat er recht. Oder vielleicht sind es die fleißigen Marketingleute, wie immer an allen Fronten tätig, die nach neuen Märkten suchen. Ich weiß es nicht und möchte nicht darüber spekulieren. Ich frage mich vielmehr, ob es überhaupt möglich ist, aus der Jugendsprache ein ganzes Lexikon, bestehend aus tausenden bunten Redewendungen und Neologismen, zu machen. Ich behaupte: nein.

 Auch ich war mal Jugendlicher, wenn dies auch viele Jahre zurückliegt, und ich beherrschte den damaligen Jugendslang mit Bravour. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir aber auf, dass unsere Geheimsprache ganz spärlich eingerichtet war. Sie bestand aus schätzungsweise einhundert Wörtern, die wir ständig einsetzten. Diese kreisten hauptsächlich um das Wichtigste: Sex, Alkohol, Drogen, Essen, Mobilität (d.h., „kommen“, „gehen“), Lob und Tadel. Ich wage zu sagen, dass die Situation der heutigen Jugend kaum anders sein dürfte. „Assi“, „checken“, „schlonzen“, „chillen“ und sicherlich noch siebzig oder achtzig Begriffe werden unentwegt gebraucht – allerdings mit regionalen Unterschieden. Es handelt sich, so meine ich, um einen reduzierten Wortschatz, viel zu wenig Begriffe, um daraus ein Wörterbuch zu machen.

 Ich fragte meinen Sohn, ob er bunte Ausdrücke wie „Hülsenfrüchte“, „Stockente“, „Arschfax“ usw. verwendet. In seinem Kreis seien sie nicht geläufig, gab er zu. „Wir reden aber eine bayerische Jugendsprache.“ Seine Beispiele aus dem Bayerischen überzeugten mich aber auch nicht. Es war die handelsübliche bayerische Umgangssprache: „Ische“ (Frau), „schiach“ (schlecht), „gema“ usw. Ich hätte diese Wörter selbst benutzen dürfen.

 Meine Theorie: Die schönsten Wörter der Jugendsprache sind kaum mehr als ironisierende Eintagsfliegen, die nur lokal verwendet werden – wenn überhaupt. Manche werden vielleicht von Sprachgenies erfunden, um Duden, Langenscheidt und Co. übers Ohr zu hauen. Wörterbücher mit solchen putzigen Blüten zu füllen, macht vielleicht Spaß, hilft einem Touristen im Jugendmilieu wenig, wenn er auf seine Kosten kommen will.

 „Checkst du, Mann?“

 „Dick, du Penner, was göbelst du daher?“

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